Frage: Wie viele Geschlechter gibt es?

Frage: Wie viele Geschlechter gibt es denn jetzt eigentlich? Auf Facebook stand mal, es würde 50 geben! Aber stimmt das?

Antwort: Ja und nein.

Diese 50 Geschlechter, die Facebook mal unter grossem Medienrummel als Option zur Verfügung gestellt hat, die gibt es tatsächlich alle. Andere Quellen sprechen von 3 Geschlechtern. Wieder andere sagen es gibt über 100.

Welche Quelle hat denn jetzt Recht?
Alle. Und keine.

Zuerst mal: Es gibt keine gerichtliche Instanz, die festlegt wie viele Geschlechter es auf der Welt gibt. Was es gibt sind Menschen, die ihre Geschlechtsidentität ausdrücken indem sie sie in Worte fassen. Und dann gibt es Menschen, die diese Worte sammeln, aufschreiben und als Liste veröffentlichen.

Also stellen wir uns vor, Personen A, B, C, D, E, F, G, H, I und J leben irgendwo auf dieser Welt in einer Gesellschaft, in der es für Geschlecht nur die Kategorien „Mann“ und „Frau“ gibt. Personen A, B, C, D, E, F, G, H, I und J merken alle, dass sie nicht in diese zwei Kategorien hineinpassen.
Sie denken darüber nach, warum genau sie nicht in diese Kategorien hineinpassen, an welchen Stellen sie sich davon nicht beschrieben fühlen, und welche Aspekte nicht auf sie zutreffen.

Person A merkt, dass sie mit diesen Kategorien, und allem was damit assoziiert ist, überhaupt nichts anfangen kann. Sie erklärt: „Ich habe kein Geschlecht. Dieses Konzept trifft auf mich einfach nicht zu.“
Person B spürt, dass auf sie eher eine Kombination dieser zwei Kategorien zutrifft. Sie beschreibt das so: „Ich bin eine Person, die in gewissen Aspekten eine Frau ist, und in gewissen anderen Aspekten ein Mann. Ich vereine beides in mir.“
Person C entscheidet, eine dieser Kategorien für sich ein Stück weit öffnen. Sie sagt über ihr Gechlecht: „Ich bin ein untypischer Mann, aber nichtsdestotrotz ein Mann“.
Person D wiederum ist es schlicht und einfach egal, dass sie von Menschen in ihrem Umfeld in eine der Kategorien gesteckt wird. Die Kategorien haben nichts mit ihrer Identität zu tun, sie fühlt sich davon nicht beschrieben und benutzt sie auch nicht um sich selbst zu bezeichnen.
Person E empfindet sich als losgelöst von den zwei bekannten Kategorien, aber dennoch nicht frei vom Konzept Geschlecht. Sie sagt: „Ich habe ganz eindeutig ein Geschlecht. Aber dieses Geschlecht hat weder etwas mit der Kategorie Mann zu tun, noch mit der Kategorie Frau.“
Person F fällt auf, dass die Geschlechts-Identitäten der anderen Personen offenbar statisch sind und sich nicht verändern, ganz im Gegensatz zu ihrer eigenen! Sie beobachtet, dass an manchen Tagen durchaus eine der bekannten Kategorien auf sie zutrifft, aber an anderen Tagen ganz entschieden nicht.

Einige dieser Personen sind bestimmt zufrieden damit, ihre Geschlechtsidentität mit solchen Aussagen zu beschreiben. Manche möchten jedoch ein kürzeres, prägnanteres Wort dafür, und landen zum Beispiel bei „geschlechtslos“ oder „weiblicher Mann“. Andere bedienen sich bei anderen Sprachen, zum Beispiel Latein und Griechisch, daraus entstehen Wörter wie „androgyn“ oder „agender“. Wieder andere erfinden eigene Begriffe oder kombinieren verschiedene, zum Beispiel zu „neutrois“ oder „genderfluid“.

Manche dieser Personen beschreiben ihre Erkenntnisse und ihr neu gefundenes Wort in einem Blogpost oder auf Facebook. Manche erzählen begeistert ihrem Umfeld, Freund_innen und Familie davon. Manche starten eine Petition, damit der korrekte Begriff auch in ihrem Ausweis stehen kann.
Auf jeden Fall werden früher oder später andere Leute darauf aufmerksam.

Person G findet sich vielleicht in einer der Erklärungen wieder, und benutzt ab sofort auch den darin vorgeschlagenen neuen Begriff für ihre Geschlechtsidentität.
Person H empfindet zwei der neuen Begriffe beide als für sich passend, und kombiniert sie einfach.
Person I merkt, dass ein bestimmter der neuen Begriffe zwar auf sie zutrifft, aber nicht zu 100%. Sie fragt unsicher, ob sie den Begriff trotzdem für sich benutzen darf, obwohl sie nicht perfekt auf die dazugehörige Beschreibung passt? Natürlich darf sie!
Person J fühlt sich inspiriert von der kreativen und rebellischen Energie dieser neuen Begriffe, und traut sich darum nun auch endlich, Worte für ihre Geschlechtsidentität zu finden. Ein weiterer neuer Begriff entsteht.

Und nun stellen wir uns vor, dass das überall auf der Welt passiert.
Auf der ganzen Welt trauen sich Menschen, ihre Empfindungen zum Konzept Geschlecht in Worte zu fassen. Sie tun dies, seit es überhaupt Kategorien für Geschlecht gibt.
Und heute, Dank des Internets, können sich Personen A, B, C, D, E, F, G, H, I und J direkt und in Echtzeit miteinander und mit vielen anderen Personen austauschen. Sie finden heraus, dass das Konzept Geschlecht ganz viele unterschiedliche Aspekte hat, und dass für alle Menschen ganz individuell manche Aspekte wichtig sind und andere unwichtig. Sie merken, dass manche Personen ihre Geschlechtsidentität zwar sehr ähnlich beschreiben, aber trotzdem verschiedene Begriffe dafür verwenden möchten. Und andersrum verwenden manche Personen dieselben Begriffe für sich, interpretieren sie jedoch unterschiedlich.

Irgendwann zwischendrin sagt sich mal jemand „Leute, ich blicke nicht mehr durch! Lasst uns mal sammeln, welche Begriffe es gibt, und erklären was die für uns jeweils bedeuten.“
So entstehen Listen von Geschlechtsidentitäten.

Aber natürlich gehen da welche vergessen, oder werden bewusst ausgelassen. Denn oft ist es eine Sache von Geschmack, politischer Einstellung und  dem persönlichen Ziel, welche Begriffe auf einer Liste auftauchen und welche nicht. Also entstehen verschiedene Listen.
Auch die Herangehensweisen sind unterschiedlich. Die eine Person macht vielleicht eine Umfrage und sammelt alle Begriffe, die die Umfrage-Teilnehmenden für ihre Geschlechtsidentität angeben, während die andere Person Blogs und soziale Medien durchforstet, um Begriffe zu sammeln.
Wiederum eine andere Person übersetzt diese Liste in eine andere Sprache und fügt Begriffe hinzu, die nur in dieser Sprache bekannt sind. Eine dritte Person übersetzt die übersetzte Liste in wiederum eine andere Sprache, und fügt ebenfalls neue Begriffe hinzu.

Welche dieser Listen ist denn jetzt die offizielle?
Keine liegt falsch, aber es gibt auch keine, auf der die volle Wahrheit steht.

Für jeden Begriff den du auf irgend einer Liste von Geschlechtsidentitäten findest, gibt es mindestens eine Person, die sich von diesem Begriff perfekt beschrieben fühlt.
Aber genauso sicher gibt es Geschlechtsidentitäten, die auf dieser Liste fehlen.

Es kommt irgendwann der Tag, an dem „offizielle Stellen“ darauf aufmerksam werden, dass da Leute existieren, die mit den vorgegebenen Kategorien nicht zufrieden sind. Sei es, weil diese Stellen den Leuten etwas verkaufen wollen, oder weil die Leute oft und laut genug protestiert haben, oder weil sie sogar selber zu diesen Leuten gehören.
So beauftragt zum Beispiel Facebook irgend eine Person damit, die bisherigen Kategorien „Frau“ und „Mann“ zu ergänzen. Die beauftragte Person nimmt irgend eine der Listen – vermutlich streicht sie davon noch Begriffe weg, oder fügt einige hinzu, und wenn sie sich nicht auskennt, dann nimmt sie wahrscheinlich Begriffe die da gar nicht hingehören – und fügt sie bei Facebook ein.

Eine andere Stelle sagt sich „ja nun, es gibt also nicht nur Mann und Frau, sondern auch noch andere. Aber niemand ist sich einig, wie viele andere, und welche genau. Also belassen wir es doch einfach bei den dreien: Frau, Mann und andere.“
Wiederum eine andere Stelle findet „das ist eine sinnvolle Vereinfachung, 3 klingt nach einer Anzahl mit der wir arbeiten können. Aber der Begriff ‚andere‘ gefällt uns nicht, wir denken uns einen eigenen Begriff für die 3. Kategorie aus!“

Und schon sind wieder drei Geschlechter mehr entstanden.
Es gibt Leute die sagen, dass es so viele Geschlechter gibt wie es Menschen gibt. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das, denn Geschlechtsidentitäten sind sehr vielfältig und individuell verschieden. Wenn du zwei Frauen fragst, was „Frau sein“ für sie bedeutet, dann bekommst du wahrscheinlich zwei ganz unterschiedliche Antworten!
Aber dennoch bezeichnen sich ja beide Frauen als „Frau“. Und auch bei allen anderen Begriffen gibt es Tausende bis Millionen von Menschen, die den gleichen Begriff für sich benutzen, also in dem Sinn das gleiche Geschlecht haben.

Also wie viele Geschlechter gibt es denn jetzt? 3? 50? 100?
Es kommt darauf an, wen du fragst. Es kommt darauf an, was du mit dieser Zahl aussagen willst. Und es kommt darauf an, warum du überhaupt eine genaue Zahl haben möchtest.

Fest steht: Es gibt mehr als 2.
Aber wie viele genau? Nun ja, so viele wie es eben braucht.

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Es ist Gewalt, nicht Angst

Am 17. Mai ist IDAHoBIT, der internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlickeit. An diesem Tag soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass die aufgezählten Menschengruppen immer noch stark diskriminiert werden.

Zu dieser Gelegenheit möchte ich einmal erklären, warum ich es eigentlich „Feindlichkeit“ nenne (zB Homofeindlichkeit), und nicht, wie viele andere Menschen, „Phobie“ (zB Homophobie).

Der Text wird ein bisschen lang, weil ich meine Gründe ausführlich erklären möchte, einige alternative Formulierungen vorstelle, und auf ein paar häufige Fragen eingehe.
Ausserdem werde ich konkrete Beispiele von queerfeindlichen Äusserungen zitieren.

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Sendung im 10vor10

Im Schweizer Fernsehen gab es diese Woche einen kurzen Beitrag über nichtbinäre Menschen.

Der Beitrag lässt sich für ein paar Tage noch hier online anschauen:
https://www.srf.ch/play/tv/10vor10/video/subkulturen—non-binaer-weder-mann-noch-frau?id=c5648fc2-ba4a-4d99-9854-bd9ac4ac8860&station=69e8ac16-4327-4af4-b873-fd5cd6e895a7#_=_

Ich finde die Sendung ziemlich gelungen als kurzen Einblick ins Leben einer nichtbinären Person. Und ich freue mich, dass zum Sendezeitpunkt viele Menschen über Suchmaschinen hier auf meinem Blog gelandet sind :)

Danke SRF, dass ihr so respektvoll über uns berichtet!

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Nichtbinär-Wiki

Das Nichtbinär-Wiki ist umgezogen und hat jetzt eine eigene Domain!
nibi.space

Im Nichtbinär-Wiki finden sich Erklärungen, Links, Ideen und Listen zum Thema Nichtbinarität. Ich persönlich benutze dort am häufigsten die Listen von Pronomen und nichtbinärer Wörter. Und da die Seite wie jedes Wiki vom Mitmachen lebt, kommt auch immer wieder neues interessantes dazu!

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Schön

Wisst ihr wie unglaublich befreiend und angenehm es sein kann, an einem Event teilzunehmen wo nur andere nichtbinäre Menschen sind?

Die ganzen Schutzschilde die ich sonst auf habe, die ganzen Hemmungen und die Befürchtung dass ich mich gleich werde erklären oder rechtfertigen müssen, dass ich mich verstecken muss und nicht vollständig ICH sein kann – das ist alles einfach nicht nötig.

Es war so schön und entspannend.

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männlich, weiblich, anderes

Leider begegnet mir ganz oft in Texten, Umfragen und Anzeigen die Aufzählung „weiblich, männlich, trans“.

Meistens ist das gut gemeint. Es werden damit nämlich zwei Dinge versucht, die eigentlich sehr positiv und begrüssenswert wären:
1. Es soll darauf hinweisen, dass trans Menschen existieren. Das Thema soll nicht verschwiegen, sondern sichtbar gemacht werden.
2. Es soll zeigen, dass es neben männlich und weiblich noch andere Geschlechter gibt. Diese Menschen sollen sichtbar gemacht werden.

Hier ein paar Beispiele, die mir so und ähnlich im Alltag begegnen:

„Nicht alle Leute in diesem Club sind Männer. Es gibt auch Frauen und trans Menschen.“

„Bitte gib dein Geschlecht an (nur eines ankreuzen):
[] männlich
[] weiblich
[] trans“

„Ich fühle mich vor allem zu Frauen sexuell hingezogen, kann mir aber auch etwas mit Männern und trans Personen vorstellen.“

„Frauen, Männer, Transmenschen – alle sind davon betroffen.“

„Es ist mir egal wer meine Urlaubsvertretung macht, ob die Person männlich, weiblich oder trans ist macht mir keinen Unterschied.“

Allerdings erreicht die Aufzählung in dieser Form leider genau das Gegenteil vom Gewünschten, denn sie ist aus mehreren Gründen falsch und verletzend.

Viele Leute scheinen „trans“ für ein Wort zu halten, das „ein anderes Geschlecht als weiblich oder männlich“ bedeutet. Tatsächlich bedeutet es aber „ein anderes Geschlecht als bei der Geburt zugewiesen wurde„.

Eine trans Frau ist also einfach eine Frau, der bei der Geburt nicht das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde. Das Gegenteil davon, eine cis Frau, ist eine Frau der schon bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde. Beide sind Frauen. Genau gleich funktioniert es bei Männern, es gibt trans Männer und cis Männer. Wenn du also „Männer“ sagst, sind damit trans Männer und cis Männer gemeint.

Die Aufzählung „Männer, Frauen und trans Menschen“ tut aber so, als könnten trans Menschen nicht auch Männer und Frauen sein. Und leider passiert es in unserer Gesellschaft häufig, dass trans Frauen und trans Männer nicht als „richtige Frauen“ und „richtige Männer“ angesehen werden. Das ist ziemlich verletzend.

Deswegen ist die Aufzählung „weiblich, männlich, trans“ im besten Fall unsinnig, und im schlimmsten Fall verletzend für trans Menschen.

Und was ist jetzt mit Menschen, die weder männlich noch weiblich sind? Die gibt es, du liest ja gerade den Blog von so einer Person :)

Im deutschsprachigen Raum bezeichnen sich viele dieser Menschen als nichtbinär, nonbinär, nonbinary oder enby.
Es wäre also möglich, stattdessen einfach „Männer, Frauen und Enbys“ zu sagen. Oder „egal ob die Person weiblich, männlich oder nonbinär ist“.

Manche agender und genderfluiden Personen fühlen sich von diesem Oberbegriff mitgemeint, manche aber nicht.
Eine Formulierung, die sie ebenfalls miteinbezieht, könnte lauten: „Sehr geehrte Damen, Herren und andere“. Oder einfach „Sehr geehrte Anwesende“ oder „sehr geehrte Gäste“.

Manche Menschen definieren sich als völlig geschlechtslos und benutzen für sich keine geschlechtlich assoziierten Labels – also auch nicht „agender“.
Statt „für Menschen aller Geschlechter“ liesse sich sagen „für alle Menschen – unabhängig von Geschlecht“.

Wenn es um intimere Dinge geht, können wir zum Beispiel sagen „ich hätte gern mal Sex mit einer Person mit Penis“. Oder „ich fühle mich zu femininen Menschen hingezogen“. Damit verhindern wir auch, dass Geschlecht mit Körperteilen oder Aussehen verwechselt wird!

Auch in der Werbung und Beratung lassen sich viele Dinge ganz einfach inklusiver formulieren.
Eine Empfehlung wie „für Mamas und Papas“ lässt sich zum Beispiel kürzen zu „für Eltern“. Ähnlich bei Spielzeug – warum „für Mädchen und Jungen“, wenn auch schlicht „für Kinder“ geht?
Da braucht es keine mühsame Suche nach einer dritten Option, die möglichst wenige Menschen ausschliesst.

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Offizieller nichtbinärer Geschlechtseintrag

Die Neuigkeit gleich vorneweg:
Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass in Deutschland ein 3. Geschlechtseintrag geschaffen werden muss!

Und jetzt der Reihe nach, wie es dazu kam:

Bis vor vier Jahren gab es in Deutschland für amtliche Dokumente nur die 2 Geschlechts-Optionen „männlich“ und „weiblich“. Mit Hilfe des Transsexuellengesetzes war es auf sehr mühsame Art möglich, von einem zum anderen zu wechseln.

In mehreren anderen Ländern gibt es schon länger die Option, in amtlichen Dokumenten einen dritten Geschlechtseintrag statt weiblich oder männlich zu haben. Teils geht das nur unter obskuren Umständen, oder nur für bestimmte Situationen oder Personen. Konkrete Beispiele dafür sind Australien, Neuseeland, Indien, manche Staaten der USA, Nepal und Bangladesch.
Auf internationaler Ebene gibt es also schon länger 3 Optionen, nämlich F, M und X.

Im November 2013 kam in Deutschland eine neue Art von Geschlechtseintrag hinzu, nämlich, das Feld einfach leer zu lassen, statt „w“ oder „m“ hineinzuschreiben.
Diese Möglichkeit konnte aber nicht selbst gewählt werden, sondern wurde intergeschlechtlichen Neugeborenen aufgezwungen.

Kleiner Exkurs: Intergeschlechtlich (auch „intersex“ oder „zwischengeschlechtlich“) bedeutet, dass der Körper einer Person auf angeborene Weise nicht ins medizinische 2-Geschlechter-System passt. Viele intergeschlechtliche Menschen identifizieren sich aber klar als Mann oder als Frau, während manche nichtbinär sind.

Dieses neue Gesetz wurde von Betroffenenverbänden und vom Deutschen Ethikrat aufs schärfste kritisiert. Denn statt zu helfen, sorgt dieses Gesetz für Zwangs-Outings, für mehr Stigma, für mehr unnötige und aufgezwungene chirurgische Eingriffe an kleinen Kindern, und wahrscheinlich auch für mehr Spät-Abtreibungen. Hier ist ein Link zu dieser Kritik. Zudem sind viele Gesetze (Heirat, Familie, etc) und Institutionen (öffentliche Toiletten, Schulen, Gefängnisse, etc) nicht darauf ausgelegt, dass es geschlechtslose Menschen gibt. Diese wurden allerdings nicht angepasst.

Im Juli 2014 reichte Vanja zusammen mit dem Team von dritte-Option.de offiziell den Antrag auf einen *echten* 3. Geschlechtseintrag ein. Dieser Eintrag soll „inter*/divers“ lauten. Dieser Antrag wurde über die Jahre von mehreren Instanzen abgelehnt. Ich hatte hier schon mal über eines dieser Urteile geschrieben.

Anfang 2015 entschied das Oberlandesgericht Celle, dass es keinen echten 3. Geschlechtseintrag braucht, weil es ja schon möglich ist, den Geschlechtseintrag leer zu lassen. Das müsse für Menschen, die weder weiblich noch männlich sind, genügen.

Daraus liess sich aber schliessen, dass auch Menschen die NICHT intergeschlechtlich sind, diesen leeren Geschlechtseintrag bekommen können.
2017 wurde bekannt, dass das auch tatsächlich geht. Eine trans Person, die den Geschlechtseintrag zunächst zwischen weiblich und männlich hatte ändern lassen weil damals noch nichts anderes ging, klagte auf die Streichung des Geschlechtseintrags und bekam recht. Das Gericht urteilte nach einigem Hin und Her, es ginge schliesslich um die Identität der Person, nicht um irgendwelche körperlichen Merkmale. Die Identität dieser Person sei offenbar weder männlich noch weiblich, und die einzige rechtliche Option dafür sei eben die Streichung bzw leer lassen des Geschlechtseintrags.

Das war für mich schon sehr grossartig. Ich habe ja keine Deutsche Staatsbürgerschaft, aber unter bestimmten Umständen wäre es für mich trotzdem möglich, den Geschlechtseintrag nach Deutschen Gesetzen ändern zu lassen. Das war.. wow.
Der Gedanke, dass in meinen Ausweisen tatsächlich einmal kein falsches Geschlecht mehr stehen könnte. Dass ich endlich auch offiziell staatlich anerkannt weder männlich noch weiblich sein könnte. So ein riesiger Gedanke. Mut machend, ein bisschen gruselig, und so unglaublich toll.
Der Weg, den Geschlechtseintrag zu ändern, ist ja leider furchtbar kompliziert und erniedrigend. Es braucht psychiatrische Gutachten, Gerichtsbeschlüsse, es ist teuer und kostet Zeit und Nerven, man wird von Fremden beurteilt und muss sich offenlegen, und wenn man nicht genug Stereotypen entspricht, oder etwas falsches sagt, dann ist alles umsonst.
Aber durch dieses Urteil wurde das für mich plötzlich zu einer Option. Mich da durchzukämpfen, trotz allem. Weil die Lösung endlich realistisch erreichbar war.

Und jetzt kommt es noch besser:
Das Bundesverfassungsgericht gibt der Klage von 3.Option recht!

Laut Bundesverfassungsgericht verstösst es gegen das Persönlichkeitsrecht und das Diskriminierungsverbot, dass nichtbinäre Menschen sich mit einem leeren Geschlechtseintrag zufrieden geben sollen. Stattdessen muss ein tatsächlicher 3. Eintrag geschaffen werden.

Hier ist ein Link zur Pressemitteilung vom Gericht. Darin wird stark betont, dass es um Identität geht, nicht unbedingt um körperliche Merkmale. Ich hoffe deswegen sehr, dass dieser 3. Eintrag dann auch wirklich allen Menschen offen steht, die ihn wollen – und nicht Leuten aufgezwungen oder vorbehalten wird, die ihn einer medizinischen Diagnose nach haben sollten.

Bis Dezember 2018 soll der neue Geschlechtseintrag und das ganze Drumherum ausgearbeitet werden. Ich hoffe sehr, dass das klappt und gut wird. Das ganze Urteil findet ihr auf der Webseite von 3.Option.

So oder so: Das ist ein riesiger Erfolg für nichtbinäre Menschen in Deutschland, ob jetzt intergeschlechtlich oder nicht.

Vielen vielen Dank an Vanja und alle von 3.Option, dass ihr das durchgekämpft habt! DANKE!

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LOU – Kreuz und Queer

Ein kurzes Video-Fundstück über eine nichtbinäre Person in der Schweiz.
(Es gibt Untertitel!)

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NB-Statistik

Es gibt ja leider wenig Zahlen darüber, wie viele Menschen nichtbinär sind, wie wir so leben und was wir für Bedürfnisse und Meinungen haben. Wie viele andere nichtbinäre Menschen habe ich auch viel Skepsis gegenüber Statistiken – nicht nur, weil in ihnen meist kein Platz für mich ist (denn die meisten Statistiken interessieren sich nur für binäre Geschlechter), sondern auch weil Kategorien und Ankreuz-Kästchen wenig Raum für Flexibilität und Individualität lassen.

Trotzdem machen mir Statistiken über nichtbinäre Menschen Mut. Weil sie zeigen, dass ich nicht alleine bin. Dass wir viele sind. Und dass wir alle einzigartig und wichtig sind.

Jedes Jahr macht „Nonbinary Stats“ eine Umfrage für nichtbinäre Menschen. Es geht darin um Labels, um Pronomen und um andere sprachliche Dinge. Zwei Fragen sind obligatorisch, nämlich ob du in UK lebst, und wie alt du bist. Die restlichen Fragen können übersprungen werden.

Hier geht’s zur Umfrage: http://www.smartsurvey.co.uk/s/NBGQ2017/

Die Umfrage ist auf Englisch. Das macht die Frage nach Pronomen und Anredewörtern für deutschsprachige Menschen leider etwas seltsam.

Aber vielleicht mögt ihr sie ja trotzdem ausfüllen und weiterverbreiten.

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Dritte Option, Kommentar zum Gerichtsurteil

Mit Hilfe der Kampagne „dritte Option“ versucht Vanja, für sich vor Gericht einen 3. Geschlechtseintrag statt „weiblich“ und „männlich“ zu ersteiten – nämlich den Eintrag „inter/divers“.
In der Kampagne geht es vornehmlich um intergeschlechtliche Menschen. Aber natürlich ist so eine dritte Option für mich auch als nichtbinäre Person interessant.

Mehrere Instanzen haben diesen Antrag bereits abgelehnt, jetzt auch der Bundesgerichtshof (BGH). Das Gerichtsurteil wurde in zensierter Form auf der Webseite der Kampagne zur Verfügung gestellt (PDF). Das Hauptargument des BGH ist, dass ja bereits die Möglichkeit besteht, den Geschlechtseintrag einfach leer zu lassen bzw. zu löschen. Das müsse genügen.

Als die Kampagne 2014 gestartet wurde, war das aber noch nicht möglich. Es ist überhaupt erst seit 2013 möglich, bei Neugeborenen in bestimmten Fällen den Geschlechtseintrag einfach leer zu lassen. Dieses Leerlassen-Gesetz ist furchtbar undurchdacht (Link zu Kritik bei zwischengeschlecht.info) und lässt betroffene Personen einfach geschlechtslos – ohne dass die Gesetze daran angepasst wurden, dass jetzt rechtlich geschlechtslose Menschen existieren.

Durch das Gerichtsurteil von 2015 auf den Antrag von „dritte Option“ ist es jetzt möglich, den Geschlechtseintrag auch nachträglich, also als erwachsene Person, löschen zu lassen. Es ist aber unklar, welche Kriterien dafür erfüllt sein müssen, und wie das funktioniert. Alle Ämter, die ich bisher dazu befragt habe, wussten davon nichts.

Für die Kampagne von „dritte Option“ war dieses Urteil nicht befriedigend. Es geht schliesslich um eine dritte Option, nicht um ein Leerlassen. Die Klage wurde also an den Bundesgerichtshof weitergezogen, um dessen ablehnendes Urteil es jetzt hier geht.

Ich finde viele (ok, die meisten) Argumente in diesem Urteil sehr seltsam und nicht stichhaltig. Deswegen möchte ich sie hier kurz Punkt für Punkt durchgehen. Ich fasse die Argumente des Bundesgerichtshofes in meinen eigenen Worten zusammen, weil exakte Zitate zu verwirrend wären. Die Original-Aussagen können hier im zensierten Urteil (PDF) nachgelesen werden.

Der Geschlechtseintrag dieser Person kann nicht zu „inter/divers“ geändert werden, …

1. (Seite 4): .. weil eine Eintragung ins Geburtenregister als „inter“ bzw. „divers“ nach geltendem Recht nicht möglich ist.

Ja natürlich, genau deswegen wurde der Antrag ja gestellt. Ziel ist es, dass das geändert wird, und ein solcher Eintrag in Zukunft möglich ist.

2. (Seite 5): ..weil Geschlechtseinträge für das Familienrecht wichtig sind, und das Familienrecht aber von einem binären Geschlechtersystem ausgeht.

Ja, natürlich tut es das – JEDES deutsche Gesetz, das irgendwie mit Geschlecht zu tun hat, geht aktuell von einem binären System aus. Und genau das müsste eben angepasst werden. Tatsächlich ist das Familienrecht auch jetzt schon nicht mehr aktuell und bräuchte dringend Änderungen.

3. (Seite 6): ..weil das Gleichbehandlungsgesetz zwar auch „zwischengeschlechtliche Menschen“ vor Benachteiligung schützen soll, aber ohne ein „neues Geschlecht“ zu erschaffen.

Das funktioniert so nicht. Solange es Gesetze gibt, die sich auf Geschlecht berufen, und „Geschlecht“ nur weiblich oder männlich sein kann, sind Menschen, die aus diesem System rausfallen, nicht geschützt. Siehe oben, im Familienrecht z.B. gibt es sie gar nicht. Wie soll ich mich zum Beispiel bei einer Diskriminierungsklage auf mein nichtbinäres Geschlecht berufen können, wenn nichtbinäre Geschlechter rechtlich gar nicht existieren?

4. (Seite 6): ..weil es für Leute mit einem 3. Geschlecht keine Regelungen zur Abstammung und zur Partnerschaft gibt.

Die gibt es auch für Leute ohne Geschlechtseintrag nicht.
Eine eingetragene Lebenspartnerschaft geht zum Beispiel nur für „zwei Personen gleichen Geschlechts“. Eine Ehe kann hingegen nur zwischen einem Mann und einer Frau geschlossen werden. Können rechtlich geschlechtslose Personen also weder heiraten noch eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen? Oder nur eine eingetragene Lebenspartnerschaft mit einer anderen rechtlich geschlechtslosen Person eingehen?
Das gilt also also nicht als Argument gegen einen 3. Geschlechtseintrag, sondern ist vielmehr ein Hinweis darauf, dass die Regelungen zu Abstammung und Partnerschaft dringend überarbeitet werden müssen.

5. (Seite 6 und 7): ..weil der Gesetzgeber jetzt nicht kurzfristig eine Lösung finden könne, dafür brauche es umfassende Anhörungen von Betroffenen und Sachverständigen.

Tatsächlich ist das bereits passiert. Die Stellungnahme zur Situation intersexueller Menschen 2012 des Deutschen Ethikrates war nämlich genau das. Und danach wurde innerhalb ca eines Jahres das Leerlassen-Gesetz von 2013 aus dem Boden gestampft, das von den meisten Betroffenenverbänden als undurchdacht, schädlich und nicht im Sinn der Betroffenen kritisiert wurde.
Das Problem ist also schon einige Zeit bekannt, da ist überhaupt nichts „kurzfristig“, und offenbar war „kurzfristig“ bisher auch kein Hindernis.
Ich begrüsse natürlich den Plan, so eine Neuregelung gut zu durchdenken, und Betroffene und Sachverständige miteinzubinden. Wenn das denn passieren würde. Stattdessen wird eben behauptet, das Leerlassen-Gesetz würde genügen. Und das tut es nicht.

6. (Seite 7 und 8): ..weil Intersexuelle jetzt, da der Geschlechtseintrag nachträglich gelöscht werden kann, nicht mehr in ihren Grundrechten verletzt werden.

Also, zunächst mal ist nicht klar, unter welchen Bedingungen der geändert wird. Diese Bedingungen können durchaus Grundrechte verletzen.
Ausserdem gelten wie gesagt einige bestehende Gesetze nur für Personen, die ein Geschlecht haben, da werden rechtlich geschlechtslose Personen also sehr wohl noch in ihren Grundrechten verletzt.

7. (Seite 8): ..weil ja nur vereinzelt die Meinung vertreten wird, dass der Geschlechtseintrag nicht nachträglich gelöscht werden kann.

DASS diese Meinung überhaupt vertreten wird, zeigt aber, dass es keine Regelung dazu gibt. Bisher ist dieses eine Gerichtsurteil der einzige Hinweis darauf, dass es möglich ist, und der sagt nicht, welche Bedingungen es gibt. Im Bürgeramt wurde mir sogar gezeigt, dass es im System nicht möglich ist, „leer“ anzuklicken, bei einer Person die vor 2013 geboren wurde. Diese „vereinzelten Meinungen“ sind also leider aktuell noch die Norm.

8. (Seite 8): ..weil es im Familienrecht keine Regelungen für Menschen mit dem Geschlecht „inter/divers“ gibt. Dieser Geschlechtseintrag hätte also keinen verfassungsrechtlich bedeutsamen Vorteil gegenüber dem Leerlassen des Eintrags.

Ich verstehe nicht, wie das ein Argument sein soll.
NATÜRLICH bezieht sich das Familienrecht nicht auf ein „inter/divers“-Geschlecht, weil es ja eben davon ausgeht, dass Geschlecht nur binär ist. Das ist wie zu sagen „in diesem Lexikon über Reptilien kommt das neuentdeckte Burgunderkrokodil nicht vor, also existiert das Burgunderkrokodil nicht“. Das Burgunderkrokodil sowie intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen gab es selbstverständlich vorher schon, aber das Gesetz und das Lexikon haben sie eben nicht berücksichtigt. Der Antrag ist dazu da, das zu ändern.
Und es geht doch gar nicht darum, ob der Eintrag „inter/divers“ in punkto Familienrecht einen Vorteil bringt gegenüber dem leeren Geschlechtseintrag. Tatsächlich werden aktuell einfach beide nicht berücksichtigt.
Für die betroffene Person macht es aber persönlich einen Unterschied. Rechtlich geschlechtslos zu sein ist einfach nicht das gleiche wie rechtlich das korrekte Geschlecht zu haben.

9. (Seite 9): ..und das Familienrecht muss nicht geändert werden, weil es der antragstellenden Person ja nicht um die Abstammung oder eine Partnerschaft geht, sondern nur um den Geschlechtseintrag.

Ich verstehe das als: „Bevor rechtlich geschlechtslose Menschen vor Gericht gehen, weil sie rechtliche Probleme mit Abstammung und Partnerschaft haben, wird sich im Familienrecht nichts ändern. Und erst wenn das Familienrecht Menschen mit dem Geschlechtseintrag inter/divers anerkennt, erst dann können wir den Geschlechtseintrag inter/divers anerkennen.“
Das ist doch alles falsch herum?

10. (Seite 9): ..denn laut Transsexuellengesetz (TSG) gebietet es die Menschenwürde zwar, die selbstbestimmte geschlechtliche Identität einer Personen anzuerkennen, aber die Regelungen des TSG gelten hier nicht, denn Transsexuelle sind immer binärgeschlechtlich und Intersexuelle nie.

Dieser Abschnitt ist für mich der furchtbarste am ganzen Urteil.
Zuerst die groben Schnitzer: Selbstverständlich sind trans Menschen nicht alle binär. Hier, ich bin eine nichtbinäre trans Person. Und nur weil das TSG, also das Gesetz, nichtbinäre Menschen nicht berücksichtigt, heisst das nicht, dass Transsexualität sich auf binäre Geschlechter beschränkt. (Das ist wieder das Lexikon-Burgunderkrokodil-Problem von vorhin). Und selbstverständlich sind nicht alle inter Personen nichtbinär. Viele inter Menschen sind Männer und Frauen, einige nutzen sogar das TSG zur Änderung des Geschlechtseintrages.

Was für mich aber ganz subtil schlimm ist an diesem Abschnitt: Es behauptet, die Rechtslage solle so sein, dass die Intimsphäre von trans Personen nicht blossgestellt wird, und dass die Änderung des Geschlechtseintrages nicht von unzumutbaren Voraussetzungen abhängig ist. Dabei wird ein Urteil von 2011 als Quelle angegeben. Vor diesem Urteil war die Regel, dass der Geschlechtseintrag nur dann geändert wird, wenn die Person sich chirurgisch unfruchtbar machen lässt. Diese unzumutbare Voraussetzung gilt also gerade mal seit 5 Jahren nicht mehr.
Was immer noch gilt: Für die Änderung des Geschlechtseintrages müssen mindestens 3 Fachleute überzeugt werden. Fachleute, die oft sehr rückständige Vorstellungen von Geschlecht haben. Fachleute, die peinliche, Intimsphäre verletzenden Fragen zu Sexualität stellen. Fachleute, die einen Haufen Geld kosten und am Schluss einfach „nein“ sagen können. Seit 2012 besteht offiziell die Forderung, diese Gutachtenpflicht abzuschaffen, weil sie unzumutbar ist. Aber sie besteht immer noch.
Deswegen klingt dieser Abschnitt für mich sehr zynisch.

Ausserdem wirkt die Begründung, als sei Menschenwürde nur für trans Menschen da. Es kann doch nicht sein, dass die selbstbestimmte geschlechtliche Identität von inter Menschen nicht anerkannt wird, nur weil sie sich nicht als „trans“ definieren?
Es wäre ja möglich, einfach das TSG so zu ändern, dass nichtbinäre Geschlechter berücksichtigt werden, und dass es egal ist, ob eine Person inter oder trans (oder beides) ist, wenn sie ihren Geschlechtseintrag ändern möchte.
Oder eben den Geschlechtseintrag abschaffen oder zu einem leeren Feld zu machen, in das jeder Mensch reinschreiben kann was er möchte.

11. (Seite 10): ..weil es die staatliche Ordnung durcheinanderbringen würde.

Ja, die „staatliche Ordnung“ der Zweigeschlechtlichkeit soll aufgebrochen werden. Das ist schon richtig so, das ist das Ziel des Antrags. Ausserdem kann doch die staatliche Ordnung nicht wichtiger sein als die Menschen in diesem Staat?

12. (Seite 10): ..weil Betroffene und Experten sich uneinig sind, was für Intersexuelle das Beste ist.

Aha, aber den Antrag einer EINZELNEN Person abzulehnen, das soll gut sein? Wohlbemerkt, es ist in Deutschland nicht möglich, das anders zu machen. So eine Änderung MUSS von einer Einzelperson oder von der Regierung kommen.
Ausserdem werden sich NIE alle Betroffenen einig sein. Das ist gar nicht möglich, dafür sind wir Menschen zu verschieden. Aber irgendwo muss mal angefangen werden.
Und diesem Antrag stattgeben würde es ganz bestimmt nicht schlimmer machen als das Leerlassen-Gesetz von 2013.

. . .

 

Nun, ich bin was Gerichtsurteile angeht ungefähr auf Laien-Niveau. Vielleicht würden einige der angesprochenen Punkte für eine Fachperson mehr Sinn ergeben, als sie es jetzt für mich taten. Und mir ist auch bewusst, dass der BGH natürlich nicht unglaublich viel Spielraum hat, was die Reaktion auf so einen Antrag angeht.

Aber als betroffene Person macht mich dieses Gerichtsurteil und die Argumente darin wütend. Ich persönlich wäre mit einer Löschung meines Geschlechtseintrages zufrieden. Ich könnte dann zwar immer noch nicht mein korrektes Geschlecht angeben, es wäre immer noch nicht richtig. Aber zumindest auch nicht mehr falsch.

Ich verstehe aber auch alle Leute, denen das nicht reicht.
Mit Vanjas Worten:

„Die aktuelle Lösung keinen Eintrag zu haben ist für mich eben nicht das selbe wie einen passenden Eintrag zu haben. Im Alltag, als Schutz vor Diskriminierung macht es einen Unterschied ob ich sagen kann ‘Ich bin ganz offiziell inter’ oder ob ich mich auf eine Leerstelle berufen muss.“

– Vanja, Pressemitteilung

Das Urteil hingegen klingt wie „das ist uns zuviel, diese Verantwortung wollen wir nicht, sei zufrieden mit dem Bisschen was du bekommen hast, und tu nicht so kompliziert.“
Und das lassen Vanja und die „dritte Option“-Kampagne nicht auf sich sitzen.

Danke dafür!

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