LOU – Kreuz und Queer

Ein kurzes Video-Fundstück über eine nichtbinäre Person in der Schweiz.
(Es gibt Untertitel!)

Advertisements
Video | Veröffentlicht am von | Kommentar hinterlassen

NB-Statistik

Es gibt ja leider wenig Zahlen darüber, wie viele Menschen nichtbinär sind, wie wir so leben und was wir für Bedürfnisse und Meinungen haben. Wie viele andere nichtbinäre Menschen habe ich auch viel Skepsis gegenüber Statistiken – nicht nur, weil in ihnen meist kein Platz für mich ist (denn die meisten Statistiken interessieren sich nur für binäre Geschlechter), sondern auch weil Kategorien und Ankreuz-Kästchen wenig Raum für Flexibilität und Individualität lassen.

Trotzdem machen mir Statistiken über nichtbinäre Menschen Mut. Weil sie zeigen, dass ich nicht alleine bin. Dass wir viele sind. Und dass wir alle einzigartig und wichtig sind.

Jedes Jahr macht „Nonbinary Stats“ eine Umfrage für nichtbinäre Menschen. Es geht darin um Labels, um Pronomen und um andere sprachliche Dinge. Zwei Fragen sind obligatorisch, nämlich ob du in UK lebst, und wie alt du bist. Die restlichen Fragen können übersprungen werden.

Hier geht’s zur Umfrage: http://www.smartsurvey.co.uk/s/NBGQ2017/

Die Umfrage ist auf Englisch. Das macht die Frage nach Pronomen und Anredewörtern für deutschsprachige Menschen leider etwas seltsam.

Aber vielleicht mögt ihr sie ja trotzdem ausfüllen und weiterverbreiten.

Veröffentlicht unter Persönliches | Kommentar hinterlassen

Dritte Option, Kommentar zum Gerichtsurteil

Mit Hilfe der Kampagne „dritte Option“ versucht Vanja, für sich vor Gericht einen 3. Geschlechtseintrag statt „weiblich“ und „männlich“ zu ersteiten – nämlich den Eintrag „inter/divers“.
In der Kampagne geht es vornehmlich um intergeschlechtliche Menschen. Aber natürlich ist so eine dritte Option für mich auch als nichtbinäre Person interessant.

Mehrere Instanzen haben diesen Antrag bereits abgelehnt, jetzt auch der Bundesgerichtshof (BGH). Das Gerichtsurteil wurde in zensierter Form auf der Webseite der Kampagne zur Verfügung gestellt (PDF). Das Hauptargument des BGH ist, dass ja bereits die Möglichkeit besteht, den Geschlechtseintrag einfach leer zu lassen bzw. zu löschen. Das müsse genügen.

Als die Kampagne 2014 gestartet wurde, war das aber noch nicht möglich. Es ist überhaupt erst seit 2013 möglich, bei Neugeborenen in bestimmten Fällen den Geschlechtseintrag einfach leer zu lassen. Dieses Leerlassen-Gesetz ist furchtbar undurchdacht (Link zu Kritik bei zwischengeschlecht.info) und lässt betroffene Personen einfach geschlechtslos – ohne dass die Gesetze daran angepasst wurden, dass jetzt rechtlich geschlechtslose Menschen existieren.

Durch das Gerichtsurteil von 2015 auf den Antrag von „dritte Option“ ist es jetzt möglich, den Geschlechtseintrag auch nachträglich, also als erwachsene Person, löschen zu lassen. Es ist aber unklar, welche Kriterien dafür erfüllt sein müssen, und wie das funktioniert. Alle Ämter, die ich bisher dazu befragt habe, wussten davon nichts.

Für die Kampagne von „dritte Option“ war dieses Urteil nicht befriedigend. Es geht schliesslich um eine dritte Option, nicht um ein Leerlassen. Die Klage wurde also an den Bundesgerichtshof weitergezogen, um dessen ablehnendes Urteil es jetzt hier geht.

Ich finde viele (ok, die meisten) Argumente in diesem Urteil sehr seltsam und nicht stichhaltig. Deswegen möchte ich sie hier kurz Punkt für Punkt durchgehen. Ich fasse die Argumente des Bundesgerichtshofes in meinen eigenen Worten zusammen, weil exakte Zitate zu verwirrend wären. Die Original-Aussagen können hier im zensierten Urteil (PDF) nachgelesen werden.

Der Geschlechtseintrag dieser Person kann nicht zu „inter/divers“ geändert werden, …

1. (Seite 4): .. weil eine Eintragung ins Geburtenregister als „inter“ bzw. „divers“ nach geltendem Recht nicht möglich ist.

Ja natürlich, genau deswegen wurde der Antrag ja gestellt. Ziel ist es, dass das geändert wird, und ein solcher Eintrag in Zukunft möglich ist.

2. (Seite 5): ..weil Geschlechtseinträge für das Familienrecht wichtig sind, und das Familienrecht aber von einem binären Geschlechtersystem ausgeht.

Ja, natürlich tut es das – JEDES deutsche Gesetz, das irgendwie mit Geschlecht zu tun hat, geht aktuell von einem binären System aus. Und genau das müsste eben angepasst werden. Tatsächlich ist das Familienrecht auch jetzt schon nicht mehr aktuell und bräuchte dringend Änderungen.

3. (Seite 6): ..weil das Gleichbehandlungsgesetz zwar auch „zwischengeschlechtliche Menschen“ vor Benachteiligung schützen soll, aber ohne ein „neues Geschlecht“ zu erschaffen.

Das funktioniert so nicht. Solange es Gesetze gibt, die sich auf Geschlecht berufen, und „Geschlecht“ nur weiblich oder männlich sein kann, sind Menschen, die aus diesem System rausfallen, nicht geschützt. Siehe oben, im Familienrecht z.B. gibt es sie gar nicht. Wie soll ich mich zum Beispiel bei einer Diskriminierungsklage auf mein nichtbinäres Geschlecht berufen können, wenn nichtbinäre Geschlechter rechtlich gar nicht existieren?

4. (Seite 6): ..weil es für Leute mit einem 3. Geschlecht keine Regelungen zur Abstammung und zur Partnerschaft gibt.

Die gibt es auch für Leute ohne Geschlechtseintrag nicht.
Eine eingetragene Lebenspartnerschaft geht zum Beispiel nur für „zwei Personen gleichen Geschlechts“. Eine Ehe kann hingegen nur zwischen einem Mann und einer Frau geschlossen werden. Können rechtlich geschlechtslose Personen also weder heiraten noch eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen? Oder nur eine eingetragene Lebenspartnerschaft mit einer anderen rechtlich geschlechtslosen Person eingehen?
Das gilt also also nicht als Argument gegen einen 3. Geschlechtseintrag, sondern ist vielmehr ein Hinweis darauf, dass die Regelungen zu Abstammung und Partnerschaft dringend überarbeitet werden müssen.

5. (Seite 6 und 7): ..weil der Gesetzgeber jetzt nicht kurzfristig eine Lösung finden könne, dafür brauche es umfassende Anhörungen von Betroffenen und Sachverständigen.

Tatsächlich ist das bereits passiert. Die Stellungnahme zur Situation intersexueller Menschen 2012 des Deutschen Ethikrates war nämlich genau das. Und danach wurde innerhalb ca eines Jahres das Leerlassen-Gesetz von 2013 aus dem Boden gestampft, das von den meisten Betroffenenverbänden als undurchdacht, schädlich und nicht im Sinn der Betroffenen kritisiert wurde.
Das Problem ist also schon einige Zeit bekannt, da ist überhaupt nichts „kurzfristig“, und offenbar war „kurzfristig“ bisher auch kein Hindernis.
Ich begrüsse natürlich den Plan, so eine Neuregelung gut zu durchdenken, und Betroffene und Sachverständige miteinzubinden. Wenn das denn passieren würde. Stattdessen wird eben behauptet, das Leerlassen-Gesetz würde genügen. Und das tut es nicht.

6. (Seite 7 und 8): ..weil Intersexuelle jetzt, da der Geschlechtseintrag nachträglich gelöscht werden kann, nicht mehr in ihren Grundrechten verletzt werden.

Also, zunächst mal ist nicht klar, unter welchen Bedingungen der geändert wird. Diese Bedingungen können durchaus Grundrechte verletzen.
Ausserdem gelten wie gesagt einige bestehende Gesetze nur für Personen, die ein Geschlecht haben, da werden rechtlich geschlechtslose Personen also sehr wohl noch in ihren Grundrechten verletzt.

7. (Seite 8): ..weil ja nur vereinzelt die Meinung vertreten wird, dass der Geschlechtseintrag nicht nachträglich gelöscht werden kann.

DASS diese Meinung überhaupt vertreten wird, zeigt aber, dass es keine Regelung dazu gibt. Bisher ist dieses eine Gerichtsurteil der einzige Hinweis darauf, dass es möglich ist, und der sagt nicht, welche Bedingungen es gibt. Im Bürgeramt wurde mir sogar gezeigt, dass es im System nicht möglich ist, „leer“ anzuklicken, bei einer Person die vor 2013 geboren wurde. Diese „vereinzelten Meinungen“ sind also leider aktuell noch die Norm.

8. (Seite 8): ..weil es im Familienrecht keine Regelungen für Menschen mit dem Geschlecht „inter/divers“ gibt. Dieser Geschlechtseintrag hätte also keinen verfassungsrechtlich bedeutsamen Vorteil gegenüber dem Leerlassen des Eintrags.

Ich verstehe nicht, wie das ein Argument sein soll.
NATÜRLICH bezieht sich das Familienrecht nicht auf ein „inter/divers“-Geschlecht, weil es ja eben davon ausgeht, dass Geschlecht nur binär ist. Das ist wie zu sagen „in diesem Lexikon über Reptilien kommt das neuentdeckte Burgunderkrokodil nicht vor, also existiert das Burgunderkrokodil nicht“. Das Burgunderkrokodil sowie intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen gab es selbstverständlich vorher schon, aber das Gesetz und das Lexikon haben sie eben nicht berücksichtigt. Der Antrag ist dazu da, das zu ändern.
Und es geht doch gar nicht darum, ob der Eintrag „inter/divers“ in punkto Familienrecht einen Vorteil bringt gegenüber dem leeren Geschlechtseintrag. Tatsächlich werden aktuell einfach beide nicht berücksichtigt.
Für die betroffene Person macht es aber persönlich einen Unterschied. Rechtlich geschlechtslos zu sein ist einfach nicht das gleiche wie rechtlich das korrekte Geschlecht zu haben.

9. (Seite 9): ..und das Familienrecht muss nicht geändert werden, weil es der antragstellenden Person ja nicht um die Abstammung oder eine Partnerschaft geht, sondern nur um den Geschlechtseintrag.

Ich verstehe das als: „Bevor rechtlich geschlechtslose Menschen vor Gericht gehen, weil sie rechtliche Probleme mit Abstammung und Partnerschaft haben, wird sich im Familienrecht nichts ändern. Und erst wenn das Familienrecht Menschen mit dem Geschlechtseintrag inter/divers anerkennt, erst dann können wir den Geschlechtseintrag inter/divers anerkennen.“
Das ist doch alles falsch herum?

10. (Seite 9): ..denn laut Transsexuellengesetz (TSG) gebietet es die Menschenwürde zwar, die selbstbestimmte geschlechtliche Identität einer Personen anzuerkennen, aber die Regelungen des TSG gelten hier nicht, denn Transsexuelle sind immer binärgeschlechtlich und Intersexuelle nie.

Dieser Abschnitt ist für mich der furchtbarste am ganzen Urteil.
Zuerst die groben Schnitzer: Selbstverständlich sind trans Menschen nicht alle binär. Hier, ich bin eine nichtbinäre trans Person. Und nur weil das TSG, also das Gesetz, nichtbinäre Menschen nicht berücksichtigt, heisst das nicht, dass Transsexualität sich auf binäre Geschlechter beschränkt. (Das ist wieder das Lexikon-Burgunderkrokodil-Problem von vorhin). Und selbstverständlich sind nicht alle inter Personen nichtbinär. Viele inter Menschen sind Männer und Frauen, einige nutzen sogar das TSG zur Änderung des Geschlechtseintrages.

Was für mich aber ganz subtil schlimm ist an diesem Abschnitt: Es behauptet, die Rechtslage solle so sein, dass die Intimsphäre von trans Personen nicht blossgestellt wird, und dass die Änderung des Geschlechtseintrages nicht von unzumutbaren Voraussetzungen abhängig ist. Dabei wird ein Urteil von 2011 als Quelle angegeben. Vor diesem Urteil war die Regel, dass der Geschlechtseintrag nur dann geändert wird, wenn die Person sich chirurgisch unfruchtbar machen lässt. Diese unzumutbare Voraussetzung gilt also gerade mal seit 5 Jahren nicht mehr.
Was immer noch gilt: Für die Änderung des Geschlechtseintrages müssen mindestens 3 Fachleute überzeugt werden. Fachleute, die oft sehr rückständige Vorstellungen von Geschlecht haben. Fachleute, die peinliche, Intimsphäre verletzenden Fragen zu Sexualität stellen. Fachleute, die einen Haufen Geld kosten und am Schluss einfach „nein“ sagen können. Seit 2012 besteht offiziell die Forderung, diese Gutachtenpflicht abzuschaffen, weil sie unzumutbar ist. Aber sie besteht immer noch.
Deswegen klingt dieser Abschnitt für mich sehr zynisch.

Ausserdem wirkt die Begründung, als sei Menschenwürde nur für trans Menschen da. Es kann doch nicht sein, dass die selbstbestimmte geschlechtliche Identität von inter Menschen nicht anerkannt wird, nur weil sie sich nicht als „trans“ definieren?
Es wäre ja möglich, einfach das TSG so zu ändern, dass nichtbinäre Geschlechter berücksichtigt werden, und dass es egal ist, ob eine Person inter oder trans (oder beides) ist, wenn sie ihren Geschlechtseintrag ändern möchte.
Oder eben den Geschlechtseintrag abschaffen oder zu einem leeren Feld zu machen, in das jeder Mensch reinschreiben kann was er möchte.

11. (Seite 10): ..weil es die staatliche Ordnung durcheinanderbringen würde.

Ja, die „staatliche Ordnung“ der Zweigeschlechtlichkeit soll aufgebrochen werden. Das ist schon richtig so, das ist das Ziel des Antrags. Ausserdem kann doch die staatliche Ordnung nicht wichtiger sein als die Menschen in diesem Staat?

12. (Seite 10): ..weil Betroffene und Experten sich uneinig sind, was für Intersexuelle das Beste ist.

Aha, aber den Antrag einer EINZELNEN Person abzulehnen, das soll gut sein? Wohlbemerkt, es ist in Deutschland nicht möglich, das anders zu machen. So eine Änderung MUSS von einer Einzelperson oder von der Regierung kommen.
Ausserdem werden sich NIE alle Betroffenen einig sein. Das ist gar nicht möglich, dafür sind wir Menschen zu verschieden. Aber irgendwo muss mal angefangen werden.
Und diesem Antrag stattgeben würde es ganz bestimmt nicht schlimmer machen als das Leerlassen-Gesetz von 2013.

. . .

 

Nun, ich bin was Gerichtsurteile angeht ungefähr auf Laien-Niveau. Vielleicht würden einige der angesprochenen Punkte für eine Fachperson mehr Sinn ergeben, als sie es jetzt für mich taten. Und mir ist auch bewusst, dass der BGH natürlich nicht unglaublich viel Spielraum hat, was die Reaktion auf so einen Antrag angeht.

Aber als betroffene Person macht mich dieses Gerichtsurteil und die Argumente darin wütend. Ich persönlich wäre mit einer Löschung meines Geschlechtseintrages zufrieden. Ich könnte dann zwar immer noch nicht mein korrektes Geschlecht angeben, es wäre immer noch nicht richtig. Aber zumindest auch nicht mehr falsch.

Ich verstehe aber auch alle Leute, denen das nicht reicht.
Mit Vanjas Worten:

„Die aktuelle Lösung keinen Eintrag zu haben ist für mich eben nicht das selbe wie einen passenden Eintrag zu haben. Im Alltag, als Schutz vor Diskriminierung macht es einen Unterschied ob ich sagen kann ‘Ich bin ganz offiziell inter’ oder ob ich mich auf eine Leerstelle berufen muss.“

– Vanja, Pressemitteilung

Das Urteil hingegen klingt wie „das ist uns zuviel, diese Verantwortung wollen wir nicht, sei zufrieden mit dem Bisschen was du bekommen hast, und tu nicht so kompliziert.“
Und das lassen Vanja und die „dritte Option“-Kampagne nicht auf sich sitzen.

Danke dafür!

Veröffentlicht unter Infos | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Forderungskatalog von nichtbinären und genderqueeren Menschen

Was wünschen sich nichtbinäre und genderqueere Menschen?

Im Moment ist die rechtliche Situation von nichtbinären und genderqueeren Menschen ziemlich mies. Für binäre trans Menschen existieren meist irgendwelche Richtlinien und Gesetze. Aber die meisten Fachleute wissen nicht einmal, dass Menschen ausserhalb der zwei-Geschlechter-Norm überhaupt existieren.

In Deutschland regelt das TSG (Transsexuellengesetz), was trans Personen tun müssen um ihren amtlichen Geschlechtseintrag und ihren Vornamen ändern zu können. Es steht seit 1980 und ist hoffnungslos veraltet. In den letzten Jahren wurden schon mindestens 6 Mal einige Teile des Gesetzes als verfassungswidrig erkannt und dürfen nicht mehr angewendet werden.
Das komplette Gesetz findet sich unter diesem Link: http://www.gesetze-im-internet.de/tsg
Und unter diesem Link mit Kommentaren und Erklärungen: http://trans-nrw.de/transsexuellengesetz

In der Schweiz sind die Richtlinien von Kanton zu Kanton unterschiedlich. Es gibt kein einheitliches Gesetz, darum ist ein Erfolg sehr stark von der Person am Gericht abhängig, die die Klage entgegennimmt. Welche Bedingungen üblicherweise verlangt werden, ändert sich mit jedem Gerichtsurteil ein bisschen.
Mehr dazu auf Transgender Network Switzerland: https://www.transgender-network.ch/information/rechtliches

Die Situation ist also auch für binäre trans Menschen nicht gerade ideal. Deswegen gibt es immer wieder Aufrufe zur Reform oder Neugestaltung des TSG, und Forderungskataloge von binären trans Menschen. Von nichtbinären Menschen fehlten solche gesammelten Wunschlisten bisher aber.

Im Mai 2016 trafen sich auf der inter*trans*Tagung in München über 40 nichtbinäre und genderqueere Menschen, und sammelten solche Wünsche und Forderungen. Diese Sammlung findet sich unter diesem Link als PDF: http://trans-recht.de/Politwerkstatt_Genderqueerer_Forderungskatalog_Teil-1.pdf

ACHTUNG: Dieses PDF ist KEINE fertig ausformulierte Erklärung mit der „alle“ einverstanden sind! Es ist lediglich eine Sammlung als Basis um irgendwo anfangen zu können. Die Liste darf also gerne ergänzt und verbessert werden – Kontaktdaten stehen im PDF.

Hier sind einige Items, die mir persönlich besonders wichtig sind (von mir formuliert und zusammengefasst):

  • Geschlechter-Vielfalt im Lehrplan (Kinder lernen dass es Männer und Frauen gibt, warum sollten sie nicht gleichzeitig erfahren dass es auch andere Menschen gibt? Nichtbinäre Menschen sollten nicht erst mit 20 oder 30 erfahren dass sie ok sind.)
  • Geschlechter-Vielfalt und entsprechende Diskriminierungsformen als Pflichtthema in bestimmten Studiengängen (zB Psychologie, Medizin)
  • dritte Option beim Geschlechtseintrag, oder Geschlechtseintrag abschaffen
  • Änderung des Geschlechtseintrages und des Vornamens ohne Gutachten und ohne Gerichtsurteil
  • offizielles drittes Pronomen einführen (hier gibt es Beispiele: http://de.nichtbinaer.wikia.com/wiki/Pronomen)
  • Mehr Geld für Beratung, Antidiskriminierungsarbeit und Forschung zu NB-Themen
  • geschlechtergerechte Sprache standardisieren und offiziell machen (zB mit gender_gap, mit Anrede als Name statt „Herr“/“Frau“, etc)
  • geschlechtsneutrale Einzel-Toiletten als neuer Standard (das bedeutet, wenn Gebäude neu gebaut werden, müssen mindestens so viele Einzelkabinen eingebaut werden, zusätzlich zu oder anstatt von geschlechtergetrennten Räumen mit mehreren Toiletten)
  • Peerberatung (Beratung von Betroffenen durch Betroffene) finanziell unterstützen
  • mehr (respektvolle) Repräsentation in den Medien (zB auch in der Werbung)
  • medizinische körperliche Selbstbestimmung
  • bedingungsunabhängiger Zugang zu medizinischen Massnahmen (aktuell passiert es oft, dass die Krankenkasse zB Mastektomie oder Epilation nur bezahlt wenn gleichzeitig Hormone genommen werden, oder dass sie bestimmte Operationen nicht bezahlt weil nur wenige Leute diese möchten, oder weil die Fachleute zu weit weg sind)
  • mehr Informationen darüber, dass Transition sehr individuell ist (manche brauchen Vornamensänderung, manche brauchen Hormone, manche brauchen OPs, manche brauchen begleitende Therapie, manche alles davon, manche nichts davon, usw)
  • Datenschutz: Geschlecht nur da erfassen wo es konkret relevant ist, und da NB-Optionen anbieten
Veröffentlicht unter Infos, Persönliches | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Warum wir über die Definition von „trans“ streiten

Im Gespräch mit trans Menschen fällt mir immer wieder auf, wie unterschiedlich wir „trans“ definieren. Manchmal ist das bereichernd, oft ist es frustrierend, meistens finde ich es erstaunlich und spannend.

Schlimm ist es aber, wenn diese Uneinigkeit von Aussenstehenden benutzt wird, um sich über uns trans Menschen lustig zu machen. „Die wissen ja selbst nicht was sie sind“, wird gesagt, und dass sie uns dann ja nicht ernst nehmen müssen.
Oder, ein bisschen netter formuliert, dass es schwierig sei, allen gerecht zu werden, dass ja langsam „niemand mehr weiss was man noch sagen darf“, und dass sie dann lieber gar nichts sagen und uns links liegen lassen.

Mich erstaunt das. Nicht, dass Ausflüchte gesucht werden, um sich nicht für uns einzusetzen. Aber dass Leute offenbar denken, wir müssten uns alle einig sein, bloss weil wir trans sind.

Selbstverständlich sind wir keine homogene Gruppe.
Wie könnten wir das auch sein?

Wie wir mit der Definition von „trans sein“ umgehen, hängt von so unglaublich vielen verschiedenen Faktoren ab.

Zum Beispiel davon, wie und wann wir unser Coming In hatten, also in welchem Alter und auf welche Art uns bewusst wurde, dass wir trans sind. Und ob das in den 70ern oder vor drei Jahren war. Es hängt auch davon ab, welche Informationen über trans Leute wir haben, wie in unserem Umfeld oder in Zeitungen und im Fernsehen über trans Personen gesprochen wird. Davon, was wir über Transitionsmöglichkeiten wissen, welche uns zur Verfügung stehen, an wen wir uns wenden müssen um beispielsweise Hormone oder eine Personenstandsänderung zu bekommen. Es hängt davon ab, wie transfeindlich oder transfreundlich unser Umfeld ist, und wie frei wir uns in Geschlechterrollen entfalten können. Davon, welche finanziellen, juristischen und medizinischen Möglichkeiten wir haben. Welche Vorbilder und Idole uns zur Verfügung stehen, an denen wir uns orientieren können. Und natürlich, welchen emotionalen Rückhalt wir haben, ob wir alleine sind oder uns jemand darin bestärkt, das Beste für uns zu finden. Es hängt auch davon ab, wie stark und unter welcher Art von →Dysphorie wir leiden. Und welche Arten von Mehrfachdiskriminierung (Rassismus, Ableismus, Klassismus, Sexismus, etc) noch dazukommen..

All diese Faktoren (und noch viel mehr!) beeinflussen, wie wir mit unserem trans sein und dem trans sein anderer Leute umgehen.

Sie beeinflussen, wie stark wir uns bedroht fühlen von körperbezogenen Definitionen, von „post gender“-basierten Definitionen, von Definitionen die auf sozialen Dingen, auf Identität, auf Transitionserfahrung, auf Gewalterfahrung, auf Messbarkeit fokussieren.

Und sie beeinflussen, wie wir mit trans Menschen umgehen, die (gefühlt) weniger „Probleme“ haben als wir, die weniger oder andere Kämpfe austragen müssen als wir, oder die ihre Art von trans sein anders leben als wir es kennengelernt haben. Die Dinge, die wir uns in unserem Leben am stärksten erkämpfen mussten, wollen wir oft am wenigsten „aufgeben“. Und etwas aus einer „allgemeingültigen“ Definition zu streichen fühlt sich nunmal oft nach aufgeben an. Danach, die eigenen Erfahrungen, die eigenen Kämpfe und errungenen Siege, die eigene Lebensrealität, das eigene Leiden herabzustufen.

Ausserdem sind Definitionen auch politische Positionen.
Sie beeinflussen, welche Rechte uns in Zukunft zur Verfügung stehen, welche Dinge von der Krankenkasse bezahlt werden, welche Kriterien die Gutachten-Schreibenden benutzen.
Es kann lebensgefährlich sein, eine bestimmte Definition von trans sein aufzugeben.

Trans sein ist keine Erfahrung die nach Schema F für alle gleich abläuft.
Wir kommen alle aus verschiedenen Richtungen, haben unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Ziele.

Manche wollen in Ruhe und unerkannt leben.
Manche wollen sich aktivistisch einsetzen.
Manche wollen das eine und sind gezwungen das andere zu tun.

Selbstverständlich haben all diese Leute unterschiedliche Definitionen und Herangehensweisen vom Thema trans.

Für viele von uns geht es schliesslich ums Überleben.
Und wir sind so oft sosehr gewohnt, dass wir täglich mit dem System und transfeindlich argumentierenden Leuten streiten müssen um überhaupt leben zu dürfen, dass wir automatisch unsere Position, unser Sein verteidigen. Gegen alle.
Wir sind es gewohnt, dass auch Menschen die uns helfen wollen, die Verbündete sein sollten, sich plötzlich als schädlich und respektlos herausstellen können.
Das ist manchmal ganz schön bitter, und erschwert es sehr, uns untereinander einig zu sein.

Und trotz aller Unterschiede: Wir haben Respekt verdient.
Wir haben verdient, dass uns weniger Steine in den Weg gelegt werden.

Machen wirs doch so:
Ich definiere was mein Geschlecht ist.
Du definierst was dein Geschlecht ist.
Und wir finden Lösungen, die uns beide nicht ausschliessen.

Danke.

Veröffentlicht unter Infos, Persönliches | Verschlagwortet mit , | 8 Kommentare

Workshop „Was ist Geschlecht?“

Im Herbst 2015 wurde ich über zwei Ecken angefragt, ein Seminar zum Thema Gendern mitzugestalten.

Gendern bedeutet, einen Text so zu formulieren, dass möglichst alle Menschen damit gemeint sind, unabhängig von ihrem Geschlecht. Das wird auch „geschlechtergerechte Sprache“ genannt. Eine häufige Lösung ist dabei das Binnen-i, dabei werden zwei Wörter (zum Beispiel „Studentinnen“ und „Studenten“) zusammengefasst und mit einem grossen i verbunden („StudentInnen“). Leider fallen da Leute wie ich raus, die sich von beiden Wörtern nicht gemeint fühlen.

Eine bessere Lösung ist deswegen der sogenannte Gender Gap (auf Deutsch etwa „Gender-Lücke“) und das Gendersternchen. Dann wird daraus „Student_innen“ oder „Student*innen“. Die Lücke und das Sternchen sollen darauf hinweisen, dass es eben mehr als zwei Geschlechter gibt, bzw. dass sich nicht alle Leute von dieser Zweiteilung mitgemeint fühlen. Beim Sprechen kann die Lücke einfach zu einer kurzen Pause gemacht werden, Ash nennt das hier sehr treffend „Genderpäuschen“ (im Audiofile ab Minute 4 wird es auch ausgesprochen). Eine dritte Lösung ist, von vornherein geschlechtsneutrale Wörter zu benutzen, zum Beispiel „Studierende“. Alle diese Varianten haben Vor- und Nachteile. Wichtig ist aber, überhaupt mal drüber nachzudenken was Sprache eigentlich so ausdrückt, und sich zumindest zu bemühen.

Viele Leute wissen aber nicht, warum es wichtig ist, Texte zu gendern. Viele sind sich gar nicht bewusst, was Geschlecht eigentlich ist, und dass es nicht nur zwei davon gibt. Und die meisten wissen auch gar nicht, welche Möglichkeiten es gibt, Sprache geschlechtergerecht zu machen. Wenn Universitäten und andere Organisationen eine bestimmte Art von geschlechtergerechter Sprache einführen, dann erklären sie das aber leider oft nicht dazu.

Das war auch der Hintergrund für dieses Seminar. Es wurde veranstaltet von einer Gruppe Jusos, die im Vorfeld darüber diskutiert hatten, ob und wie sie Texte gendern wollen. Sie hatten gemerkt, dass viele zwar damit einverstanden waren, geschlechtergerechte Sprache zu benutzen, aber eben nicht wussten warum das eigentlich eine gute Idee ist, und welche Varianten es überhaupt gibt.

Das Seminar sollte deswegen
1. aufzeigen, mit welchen Mitteln ein Text geschlechtergerecht gemacht werden kann und warum es nicht reicht, die „männliche“ Form zu benutzen und zu behaupten „alle anderen Geschlechter sind mitgemeint“,
und 2. sollten die Teilnehmenden verstehen was „Geschlecht“ in dieser Gesellschaft eigentlich bedeutet, und wie es Menschen geht, die nicht in das angebliche binäre Zweiersystem hineinpassen.

Für diesen zweiten Teil wurde erst N. angefragt, um aus ihrem Leben als genderqueere Person zu erzählen und einen Workshop aus dem Thema zu machen. N. fragte dann mich (Sasha, neutrois), ob ich Lust hätte ihr zu helfen und den Workshop mit ihr gemeinsam zu machen.

Wir haben nach diesem Workshop gemeinsam zusammengefasst und aufgeschrieben, wie der Workshop ablief, welche Themen angesprochen wurden, was uns speziell wichtig war und welche Reaktionen und Rückmeldungen von den Teilnehmenden kamen.

Dies ist unser Erfahrungsbericht:

Weiterlesen

Veröffentlicht unter Infos, Persönliches, vernetzt | Verschlagwortet mit , , , , , , | 4 Kommentare

Glossar überarbeitet

Im Moment sind ja leider so einige Teile dieser Webseite überarbeitungsbedürftig. Manchmal liegt es an verwirrenden Formulierungen, manchmal habe ich Begriffe benutzt die ich heute nicht mehr vertretbar finde. Ausserdem habe ich in den letzten Jahren viele verschiedene Menschen kennengelernt, und gemerkt, dass gewisse Dinge, die ich mal für allgemeingültig hielt, nicht bei allen Leuten gleich funktionieren.

Ich bin immer dankbar für Hinweise auf solche überarbeitungsbedürftigen Stellen.
Aber es dauert leider auch immer einige Zeit, bis ich dazu komme, sie auch zu überarbeiten.

Heute habe ich mal das Glossar ergänzt und zurechtgemacht. Dort werden einige Begriffe kurz erklärt, die ich hier im Blog oft verwende, wie zum Beispiel „nichtbinär“, „cis“, „queer“ und ähnliche.

Das Glossar findet sich in der oberen Leiste des Blogs, im Menüpunkt „Themen“.

Veröffentlicht unter Persönliches | Kommentar hinterlassen

Frage: Kann ein NB schwul sein?

Frage:
Kann jemand mit nichtbinärem Geschlecht trotzdem lesbisch oder schwul sein?

Die kurze Antwort ist: Ja, absolut.

Und hier kommt die lange Antwort.
Zunächst mal: Schon die Wörter „heterosexuell“ und „homosexuell“ (bzw. homo– und hetero-romantisch) stossen ja an ihre Grenzen, wenn sie sich nicht mehr auf ein System aus nur zwei Geschlechtern beziehen. Du kannst natürlich „hetero“ übersetzen als „bezieht sich auf Leute, die nicht das gleiche Geschlecht haben wie ich„, und „homo“ als „bezieht sich auf Leute, die das gleiche Geschlecht haben wie ich„. Dann könnte „bi“ bedeuten „sowohl Leute, die das gleiche Geschlecht haben wie ich, als auch Leute, die nicht das gleiche Geschlecht haben wie ich“ oder auch einfach „zwei bestimmte Geschlechter„.
Diese Definitionen funktionieren unabhängig davon wie viele Geschlechter es gibt.

Aber bei „lesbisch“ und „schwul“ ist es schwieriger, weil in diesen Wörtern meist eine Aussage über das eigene Geschlecht der Person drinsteckt.
Meist wird „schwul“ übersetzt als „männliche Person, die männliche Personen begehrt„, und „lesbisch“ als „weibliche Person, die weibliche Personen begehrt„.

Es gibt nichtbinäre Menschen, die sich zusätzlich als Mann oder Frau identifizieren. Für solche Leute sind die Begrife „schwul“ und „lesbisch“ wahrscheinlich einfach anwendbar.

Aber kann eine Person, die weder weiblich noch männlich ist, schwul oder lesbisch sein?

Ich finde: Ja. Denn im Grunde sind das keine „logischen“ Kategorien, sondern es sind Labels. Es gibt kein Gericht oder Naturgesetz, das entscheidet, ob eine Person lesbisch oder schwul ist. Sondern die Person merkt mit der Zeit, wer sie ist und welche Leute sie auf sexuelle und/oder romantische Art begehrt, sie spürt und fühlt Dinge, und dann sucht sie Wörter dafür, um diese Gefühle zu beschreiben.

Diese Wörter sind Labels, Schildchen quasi, die wir an uns dranhängen, um zu kommunizieren, wie wir funktionieren. Es ist einfacher, kurze Wörter dafür zu haben, als jedes Mal genau zu erklären, was wir eigentlich empfinden. Und diese Labels helfen uns, schneller Leute zu finden, denen es ähnlich geht wie uns; so können wir Erfahrungen austauschen, uns weniger alleine fühlen, uns zusammentun.

Aber Menschen sind komplex und kompliziert, und diese Labels sind sehr starr und simpel. Wir suchen uns die Labels aus, die am besten zu uns passen, aber sie passen selten perfekt und zu 100%, weil die Realität einfach bunter ist als ein paar Buchstaben.

Wenn also eine nichtbinäre Person von sich sagt „ich bin schwul“, dann kann das zum Beispiel die Kurzfassung sein für
– „als ich noch nicht wusste, dass ich NB bin, dachte ich, ich sei männlich, und ich fühle mich hauptsächlich von Männern angezogen. Schwul war jahrelang ein wichtiger Teil meiner Identität, deswegen benutze ich dieses Wort auch jetzt noch für mich.“
– „ich fühle mich der Schwulenszene sehr verbunden, deswegen trage ich dieses Label, weil ich mich damit am wohlsten fühle.“
– „wenn ich mit der Person ausgehe, mit der ich zusammen bin, dann halten uns die meisten Leute für zwei Jungs. Deswegen sage ich einfach, ich sei schwul, das verwirrt alle am wenigsten.“
– „ich bin NB mit maskuliner Tendenz, und ich fühle mich angezogen von Menschen, die sich maskulin präsentieren, egal welches Geschlecht sie haben.“
– „aktuell passt das Wort schwul von allen, die ich kenne, am besten. Aber vielleicht finde ich irgendwann ein besseres Label.“
– „ich bin in einer eingetragenen Partnerschaft und wir sind beide juristisch männlich, deswegen ist schwul für mich das richtige Wort.“
– „meistens bin ich mit Leuten zusammen, die sich selbst als schwule Männer bezeichnen.“
– …und viele andere mögliche Lebensrealitäten.

Wichtig ist: Es geht dabei um Selbstbezeichnung.
Die aufgezählten Beispiele sind mögliche Gründe dafür, dass jemand für sich selbst dieses Label benutzt. Es sind keine Gesetze. In jedem dieser Beispiele könnte die Person auch ein ganz anderes Label für sich benutzen. Die Beispiele dienen also nicht dazu, jemand anderem ungefragt ein Label aufzudrücken. Wenn du wissen möchtest, welche Labels eine Person für sich benutzt, dann frag sie am besten. Vielleicht möchte sie es dir erzählen.

Und noch was: Es kann sein, dass du nicht nachvollziehen kannst, warum eine Person ein bestimmtes Label für sich benutzt. Vielleicht weil das Label für dich selbst nicht ganz das gleiche bedeutet, oder weil du bisher nicht wusstest, dass sich das Label auch auf diese Art definieren lässt, oder vielleicht weil du ein anderes Label passender fändest. Oder vielleicht sogar, weil du findest dass sich nicht alle Menschen einfach so bezeichnen dürfen wie sie es für richtig halten, weil sonst alles durcheinander gerät und niemand mehr weiss was Sache ist.
Das ist okay.
Es ist nicht schlimm, dass du es nicht nachvollziehen kannst, schliesslich geht es hier nicht um dich.
Die allermeisten Leute haben sehr gute Gründe, warum sie ein bestimmtes Label für sich benutzen. Und ich finde es wichtig, diese individuellen Gründe und Entscheidungen zu respektieren.

Also, ja, nichtbinäre Personen können alles mögliche sein, auch schwul oder lesbisch :)

Veröffentlicht unter Fragen, Infos | Verschlagwortet mit , , | 1 Kommentar

„Disconnect“ – Comic

Dieser Comic von Robot-Hugs hat mich sehr angesprochen. Deswegen möchte ich versuchen, den Text zu übersetzen.

Person 1: „Was ist eigentlich mit deinem Geschlecht? Du redest im Moment nicht so viel darüber.“

Person 2: „Ich weiss nicht.

Ich weiss wer und was ich bin, und das ist gut. Aber es zu leben ist sehr frustrierend.

In kleinen Dingen bin ich immer offen, wenn sie Leuten auffallen würden – ich benutze niemals binärgeschlechtliche Begriffe für mich selbst, und ich benutze immer geschlechtsneutrale Begriffe für Leute deren Geschlecht mir nicht explizit oder impliziert kommuniziert wurde.“

[„..als Person die nicht männlich ist und in einem technischen Beruf arbeitet..“]

„Aber das sind winzig kleine Fähnchen, und 90% der Welt kann sie einfach nicht erkennen, geschweige denn verstehen.“

Person 3: „Aber wie kannst du erwarten, dass Leute so etwas wissen, wenn du es ihnen nicht sagst?“

Person 2: „Ich erwarte nicht, dass sie es wissen.

„Aber ich bin mir ununterbrochen bewusst, dass die Leute um mich herum nicht einmal das Konzept meines Geschlechts verstehen.

Und die Unterhaltung ist nicht einfach – üblicherweise braucht es..

..eine Korrektur

[„Oh, übrigens, mein Pronomen ist „they/them“]

..eine Definition

[„Also, nichtbinär bedeutet..“]

..eine Erklärung

[„Naja.. nicht alle Menschen sind a oder b..“]

..eine Diskussion

[„Aber bedeutet das dann nicht, dass..“]

..und dann eine Auseinandersetzung

[„Ich finde einfach nicht, dass das grammatikalisch..“]

Das ist ein sehr langer Prozess, bloss damit jemand das richtige Pronomen benutzt!

Und weisst du was? Pronomen sind total langweilig! Ich will genausowenig darüber nachdenken.

Es ist schwer, etwas zu sein, von dem Leute denken es würde nicht existieren. Selbst Leute die selbst queer oder trans sind. Die ständige Debatte über die Existenz meines Geschlechts ist anstrengend. Bei jedem Gespräch fühlt es sich an, als würde ich wieder bei null anfangen.

Es ist überwältigend – noch so viele Leute zum überzeugen, noch so viele Gespräche zu führen, noch so viele Orte an denen ich mich outen könnte, und alle voller Leute die möglicherweise aggressiv und respektlos reagieren und versuchen mich zu verletzen.. also rede ich weniger und weniger darüber..

..was dazu führt dass es wirkt als wäre das Thema nicht wichtig, auch wenn es für mich wichtig ist..

..was dazu führt dass es sich anfühlt als würde ich.. es falsch machen? Sollte es nicht einfacher sein?“

Person 1: „..du hast nicht geschlechts-versagt.“

Person 2: „Ich habe geschlechts-versagt.“

 

(Übersetzung von mir.
Original hier bei Robot Hugs:http://www.robot-hugs.com/disconnect/)

Veröffentlicht unter englischsprachige Fundstücke, Fundstücke | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Trans Day of Visibility

Heute, am 31. März, ist internationaler Trans Day of Visibility.

Dieser englische Ausdruck ist etwas schwierig zu übersetzen, er bedeutet ungefähr „internationaler Tag zur Sichtbarkeit von trans Personen“. Dieser Tag ist dazu da, um speziell darauf hinzuweisen, dass trans Menschen existieren.

Viele trans Menschen posten an diesem Tag Fotos von sich. Um eben ihr trans sein in Bildern sichtbar zu machen. Um zu zeigen „schau, wir sind da, wir sind einfach nur Menschen“. Manche wählen sogar extra diesen symbolischen Tag, um sich beispielsweise bei ihren Eltern, in der Schule oder am Arbeitsplatz zu outen.

Der Trans Day of Visibility ist aber auch der Tag um darauf hinzuweisen, dass sichtbar sein für viele trans Menschen gefährlich ist. Für viele von uns wäre es gefährlich, zum Teil lebensgefährlich, ein Foto von sich zu veröffentlichen und sich als trans zu outen. Wie sich schon nur die Blicke im Bus anfühlen, das hat Frau Papa in ihrem Blogpost „Morgens in der Öffentlichkeit…“ anschaulich beschrieben.

Viele von uns trauen sich deswegen auch am Trans Day of Visibility nicht, persönlich sichtbar zu sein.
Was aber auf jeden Fall sichtbar gemacht werden sollte, ist, wie schwer trans Menschen das Leben in dieser Gesellschaft gemacht wird.

Als ich bespielsweise meine Krankenkasse fragte, wie sie mit trans Menschen umgeht, bekam ich im besten Fall ein „oh, das habe ich mir noch gar nie überlegt“ zur Antwort. Und da ging’s um ganz banale Fragen, für die die Krankenkasse definitiv zuständig sein müsste, zum Beispiel „bezahlt ihr einer trans Frau die Prostatakrebs-Vorsorge?“
Denn laut Krankenkassen-Richtlinien steht so eine Untersuchung nur Männern zu. Es konnten mir aber mehrere beratende Personen von verschiedenen Krankenkassen nicht erklären, wie die Kostenübernahme funktioniert wenn eine Person Körperteile hat die laut Richtlinien nicht vorgesehen sind (eben beispielsweise Prostata bei Frauen).

Damit bei einer trans Person das korrekte Geschlecht im Ausweis steht, muss sie mindestens 3 unabhängigen Fachpersonen beweisen (zum Teil über mehrere Jahre), dass sie tatsächlich trans ist. Und das sind oft Personen, die noch in einem Weltbild gefangen sind, in dem Frauen keine Hosen tragen, sondern nur Röcke, und immer lange Haare haben. Es kann also durchaus sein, dass eine trans Frau als „nicht feminin genug“ eingestuft wird und das benötigte Gutachten nicht bekommt, wenn sie zum Termin in Hose und mit kurzen Haaren erscheint.

Viele trans Personen wissen schon als Kind, dass sie trans sind. Aber wem können sie sich anvertrauen? Wo können sie Hilfe bekommen?

Vor allem junge trans Menschen haben oft keinen Zugang zu Informationen und Hilfsmitteln. Viele junge trans Menschen wissen zum Beispiel nicht, dass es gesundheitsschädigend ist, sich die Brust mit Verband abzubinden. Es gibt dafür extra Binder, die eine flache Brust machen ohne das Gewebe zu schädigen oder die Atmung einzuschränken. Aber diese Binder sind teuer und fast nur online zu kaufen. Ausserdem muss die Grösse sehr genau passen, was bei Läden ausserhalb von Europa zu riesigen Lieferkosten führt, weil anprobiert und umgetauscht werden muss. Für junge trans Menschen sind solche Hilfsmittel daher oft unerreichbar. Das Bedürfnis, eine flache Brust zu haben, ist aber bei vielen trotzdem da, also behelfen sie sich irgendwie. Zum Teil mit fatalen Folgen.

Es gibt die medizinische Möglichkeit, die „falsche“ Pubertät einer trans Person zu pausieren, wenn sie noch jung ist. Die sogenannten „Pubertätsblocker“ sind Medikamente, die die körperlichen Veränderungen für einige Zeit aufhalten. So hat die Person Zeit um sich in Ruhe zu überlegen was das Richtige für sie ist, bevor Veränderungen passieren die nur schwer wieder rückgängig gemacht werden könnten.
Aber viele trans Kinder wissen nicht, dass diese Möglichkeit existiert. Sie müssen hilflos zusehen wie sich ihr Körper in eine Richtung verändert, die nicht ihrer Identität entspricht. Um die Pubertätsblocker zu bekommen, müssen ausserdem ihre Eltern damit einverstanden sein. Und es muss eine entsprechend ausgebildete medizinische Fachperson gefunden werden, die das Ganze begleitet. Dazu sind oft lange Reisewege nötig, weil es solche Fachleute nur selten gibt.

Auch erwachsene trans Menschen, gerade nichtbinäre trans Menschen wie ich, denken oft lange Jahre, sie seien damit vollkommen alleine. Eine der häufigsten Fragen, die mich erreichen seit ich diese Webseite habe, ist „wo kann ich andere trans Menschen finden? Bevor ich deinen Blog fand wusste ich nicht, dass es überhaupt andere wie mich gibt.“

All das wäre einfacher, wenn mehr Leute wüssten dass trans Menschen existieren, und welchen systematischen Problemen wir täglich ausgesetzt sind.
Deswegen nutzt bitte diesen Tag, um andere darauf aufmerksam zu machen. Auch und GERADE wenn ihr selbst nicht trans seid, sondern >cis<.
Helft mit, trans sein und alles was dazugehört sichtbar zu machen.
Denn das rettet Leben.

Danke.

Links zu Infoseiten:
„Mädchen? Junge? Pony?“ – eine informative, leicht verständliche Broschüre über Geschlecht, zum direkt lesen oder herunterladen
Trans-Kinder-Netz e.V. – ein Verein für Angehörige/Eltern von trans Kindern, mit vielen Erklärungen und Adressen
TransInterQueer – soziales Zentrum und Verein, der sich mit Beratung und Projekten unter anderem für trans und inter Personen einsetzt

Veröffentlicht unter Infos, Persönliches | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen