Kinder und Geschlecht

Seit gut 2 Jahren gibt es da in meinem Leben ein Kind. Ich möchte das zum Anlass nehmen, ein bisschen etwas über das Thema Kinder und Geschlecht zu schreiben.

Das Kind um das es geht, ist das Kind meiner Partnerin. Sie hat es zusammen mit ihrer besten Freundin gezeugt, und zieht es gemeinsam mit ihr und ihrer Partnerin auf — das Kind hat also 3 Mütter. Und es hat mich, sein Onte.
Onte ist ein geschlechtsneutrales Wort für Onkel und Tante — wir sind zwar nicht miteinander verwandt, aber Onkel/Tante/Onte werden ja auch Erwachsene genannt, die einfach der Familie nahe stehen. Ich möchte für das Kind eine Vertrauensperson sein.

Meine Partnerin — also eine der 3 Mamas — ist wie ich trans und nichtbinär. Nur dass sie eben „sie“-Pronomen hat, anders als ich. Aber sie hat selbst erfahren wie unangenehm es sein kann, wenn die Familie jahrelang behauptet man hätte ein bestimmtes Geschlecht, und sich das aber als falsch herausstellt. Ihr eigenes Kind soll deswegen geschlechtsoffen aufwachsen!

Geschlechtsoffene Erziehung

Die geschlechtsoffene Erziehung hat zwei wichtige Grundsätze:

  1. Vielleicht hat dieses Kind ein Geschlecht, vielleicht auch nicht. Ob es ein Geschlecht hat, und wenn ja, welches Geschlecht das ist, das kann uns das Kind nur selber sagen. Wir können das Geschlecht nicht am Körper ablesen, und auch nicht an Verhaltensweisen (wie auf Bäume klettern oder sich um andere kümmern) oder an Vorlieben (wie Lieblingsfarben).
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  2. Unsere Gesellschaft ist es gewohnt, alle Menschen in 2 Geschlechter einzuteilen, und diese Menschen dann unterschiedlich zu behandeln. Wenn wir beispielsweise eine Person dem Geschlecht „männlich“ zuteilen, dann sprechen wir sie wahrscheinlich mit „Herr“ an und erwarten dass sie besser ein schweres Sofa verschieben kann, als eine Person die wir mit „Frau“ ansprechen.
    Kinder sprechen wir wahrscheinlich nicht mit „Herr“ an, aber die meisten von uns teilen sie trotzdem automatisch in Geschlechter ein, und behandeln sie dann unterschiedlich. Zum Beispiel benutzen wir geschlechtsspezifische Wörter (wie „er“ oder „Mädchen“) und das berühmte „Baby X Experiment“ zeigt, dass Erwachsene sogar anderes Spielzeug auswählen, und grober oder sanfter mit Kindern umgehen, je nach dem welches Geschlecht sie ihnen zuteilen — hier ist ein Video des Experiments mit Spielzeug (klick) und hier ein Artikel und ein englisches Video zu diesem Phänomen (klick).
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Bei der geschlechtsoffenen Erziehung geht es darum, alles was mit Geschlecht zu tun hat möglichst offen zu lassen. Wir bemühen uns also auf der einen Seite, keine Vorannahmen zu treffen, was Vorlieben und Verhaltensweisen angeht, und auf der anderen Seite, möglichst alle Optionen zum ausprobieren anzubieten. Das Kind trägt manchmal Kleidchen und manchmal Hosen, es spielt mal mit Puppen und mal mit Autos, wir benutzen manchmal „er“ und manchmal „sie“ Pronomen, und wir nennen es „Kind“ und beim Vornamen, statt „Mädchen“ oder „Junge“.

Mit der Zeit wird es einen eigenen, persönlichen Geschmack entwickeln. Vielleicht trägt es dann lieber nur Kleidchen und spielt lieber nur mit Autos. Vielleicht will es dann „Junge“ oder „Mädchen“ sein — oder ein „Enby“, so wie ich. Das werden wir herausfinden.
Es geht also nicht um ein geschlechtsneutrales Aufwachsen, bei dem möglichst wenig geschlechtsspezifisches vorkommen soll. Es geht nicht darum, Pink und Hellblau von dem Kind fernzuhalten, und ihm nur neutral grünes und gelbes Spielzeug zu schenken. Sondern es geht eben um ein geschlechtsoffenes Aufwachsen, in dem alle Möglichkeiten angeboten und offen sein sollen.

Denn wenn das Kind die Möglichkeiten nicht angeboten bekommt, dann kann es sich auch nicht für sie entscheiden. Zu sagen „wenn es mit Autos spielen oder ein Kleid tragen möchte, dann darf es das selbstverständlich, aber bisher wollte es das nicht“, bedeutet, dass das Kind das eine ungefragt bekommt, und beim anderen aktiv darum bitten müsste. In unserer Gesellschaft, wo schon im Spielwarenladen getrennt ist, wer mit was spielen darf/soll, ist so eine Bitte ein Kraftakt. Das braucht Mut, das schaffen nicht alle Kinder. Deswegen ist es in der geschlechtsoffenen Erziehung wichtig, möglichst alles direkt anzubieten. Und das gilt eben nicht nur für Spielzeug und Kleidung, sondern auch für Sprache.

Eine häufige Frage zu dem Thema ist, wie wir mit dem Umfeld umgehen. Verwandtschaft und befreundete Menschen, aber auch KiTa und Ärzt’innen, oder bei einem kurzen Schwatz in der Schlange vor der Bäckerei — erklären wir jedes Mal, dass wir noch nicht wissen ob das Kind ein Geschlecht hat?

Tatsächlich gibt es da viele verschiedene Ansätze, je nach Philosophie und Energielevel der begleitenden Erwachsenen. Das kann sich also auch beim selben Kind von Tag zu Tag oder von Person zu Person unterscheiden, je nach dem ob wir grade Lust und Zeit haben zu erklären oder nicht. Manchmal bekommt die Frage „ist es ein Mädchen oder ein Junge?“ die Antwort „da bin ich auch gespannt!“ oder „wir warten bis es uns das selbst sagen kann“ oder „such dir etwas aus“. Aber manchmal wird auch einfach das geantwortet was in der Frage zuerst genannt wurde (in diesem Fall also Mädchen), oder auf geschlossene Fragen wie „ist es ein Junge?“ einfach „ja“ gesagt. Häufig schliessen andere Menschen auch einfach von Kleidung, Spielzeug oder Verhaltensweisen auf ein bestimmtes Geschlecht, und fragen gar nicht erst.

Das bedeutet, dass manche Menschen im weiteren Umfeld überzeugt davon sind, dass das Kind ein Mädchen ist, und andere überzeugt davon sind, dass es ein Junge ist — und sie gehen entsprechend unterschiedlich mit dem Kind um. Ich merke das besonders im Alltag, mit Menschen die das Kind nur ein Mal sehen, also zum Beispiel in der Bäckerei, oder in der Schlange an der Kasse, auf einem Strassenfest oder ähnliches. Oft raten Leute nach der Kleidung — im Röckchen ist das Kind „ein süsses Mädchen“, in Hosen ist es „ein Bub voller Energie“. Entsprechend gehen sie grober oder sanfter mit dem Kind um, sie bieten unterschiedliches Spielzeug an, und sie bezeichnen das Kind mit „er“ oder mit „sie“. Und das ist in Ordnung — wir wissen es ja schliesslich auch nicht besser!
Süss und voller Energie ist das Kind auf jeden Fall. Und vielleicht liegen sie ja mit den anderen Annahmen auch zufällig richtig.

Irgendwann kommt wahrscheinlich der Moment, wo das Kind selbst eine Aussage treffen kann. Dann werden wir uns natürlich an das halten, was dem Kind wichtig ist. Vielleicht ist dem Kind ja völlig egal wie es genannt wird, solange es mit Puppen spielen darf! Oder vielleicht ist es ganz wichtig, ein „Mädchen“ zu sein, aber ob wir „sie“ oder „er“ sagen ist egal. Ich vermute, dass es so ab dem Kindergartenalter möglich sein wird, dass das Kind dazu eine Meinung äussert. Und natürlich wird das Kind dann die volle Unterstützung der Familie haben, diese Meinung nach aussen zu kommunizieren und wenn nötig durchzusetzen.

Im Moment benutze ich immer „es“-Pronomen für das Kind — weil das auch mein eigenes Pronomen ist. Aber ich bin sehr gespannt darauf, welche Pronomen das Kind für sich selbst wählen wird, wenn es versteht was Pronomen sind! Falls das dann andere Pronomen als „es“ sind, wird das wahrscheinlich eine Umstellung für mich — gleichzeitig freue ich mich extrem darauf, zu erfahren was das Kind dazu für eine eigene Meinung hat!

Dieses komplizierte Geschlechter Zeug

„Unser“ Kind erfährt von Anfang an, dass es mehr gibt als Mann und Frau, und mehr Familienformen als Vater-Mutter-Kind. Es wächst damit auf. Von anderen Eltern höre ich aber oft, dass es für Kinder zu kompliziert sei, zu erfahren dass es nicht nur Männer und Frauen gibt, und dass man auch ein anderes Geschlecht haben kann als die Eltern bei der Geburt dachten. Sie denken, das würde Kinder nur verwirren. Ausserdem, falls sich herausstellen sollte, dass das eigene Kind trans oder nichtbinär ist, dann sei ja immer noch genug Zeit, um sich damit zu beschäftigen!

Ich sehe da aber 3 Probleme:

  1. Woher soll das Kind wissen, dass es trans und/oder nichtbinär ist?
    In unserer Gesellschaft kommen in fast allen Filmen und Büchern nur Frauen und Männer vor (schöne Ausnahme: In der Serie „One Day At A Time“ kommt eine nichtbinäre Person vor!). Manchmal gibt es Berichte über trans Menschen, aber meistens sind die sehr reisserisch und nicht für Kinder.
    Was Kinder aber auf jeden Fall mitbekommen, sind Witze über trans Menschen, und Geschlechterklischees. Jungen weinen nicht, Mädchen sollen brav sein, Pink ist eine Mädchenfarbe, nur Jungen dürfen mit Dinosauriern spielen. Mit solchen einschränkenden Kommentaren und mit Lächerlichmachen werden sie unweigerlich konfrontiert — auch wenn die eigene Familie diese Aussagen nicht teilt.
    Nur wenige Kinder haben die Klarheit und den Mut, zu sagen, dass sie ein anderes Geschlecht haben als die Erwachsenen ihnen zuteilen. Wenn sie keine positiven Vorbilder kennen, die trans oder nichtbinär sind, dann ist es schwer, von alleine darauf zu kommen.
    Ich dachte als Kind, dass ich offenbar kaputt bin. Es gab nur 2 Kategorien, und ich war offenbar keins davon. Ich kannte keine Wörter dafür, deswegen konnte ich nicht darüber sprechen. Ich habe erst als Teenager im Internet Wörter dafür gefunden.
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  2. Für Kinder ist das gar nicht kompliziert!
    Für die meisten Erwachsenen ist das Thema Geschlecht kompliziert und verwirrend, weil sie zuerst gelernt haben dass es nur zwei Geschlechter gibt, und man immer das ist was bei Geburt zugeteilt wurde. Wenn sie erfahren, dass das nicht stimmt, dann müssen sie umdenken und neu lernen. Das ist anstrengend! Ich selber habe auch mehrere Jahre dafür gebraucht, das neu zu lernen, was mir vorher falsch beigebracht wurde.
    Aber Kinder haben diese Vorbelastung nicht!
    Für Kinder ist das sowieso alles neu. Sie können ganz unbedarft lernen dass alle Kinder Pink mögen und mit Dinosauriern spielen dürfen, und dass man sich aussuchen darf ob Leute „er“ oder „sie“ oder etwas ganz anderes über einen sagen. Sie haben die Chance, von vornherein offen und flexibel mit dem Thema Geschlecht umzugehen.
    Wenn sie es gar nie anders lernen, müssen sie auch nicht kompliziert umdenken. Es schadet ihnen nicht, wenn sie erfahren dass Menschen verschieden sind, im Gegenteil.
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  3. Wenn ein Kind tatsächlich trans ist, dann traut es sich vielleicht nicht, das anzusprechen.
    Wir trans Menschen sind von früh auf damit konfrontiert, dass trans sein mindestens als komisch gilt. Im schlimmsten Fall haben wir transfeindliche Witze gehört oder erfahren dass „solche“ Menschen Gewalt verdient haben. Wenn eine Person also nicht von sich aus deutlich macht, dass sie trans sein völlig normal und in Ordnung findet, dann können wir nicht gut einschätzen wie sie auf ein Outing reagieren würde, und sind lieber vorsichtig.
    Wenn Eltern und andere Bezugspersonen frühestmöglich mit Kindern auch über’s trans sein sprechen, verhindern sie dadurch, dass ihr Kind sich vielleicht jahrelang vor ihnen verheimlicht, weil es sich nicht traut, darüber zu sprechen.
    Jetzt gibt es natürlich die verständliche Sorge: Wenn wir mit Kindern offen und positiv über trans Menschen sprechen, dann könnten sie dadurch erst auf die Idee kommen, dass trans sein eine Option sein könnte!
    Es kann passieren, dass sie frei mit Geschlecht spielen und sich ausprobieren möchten.
    Vielleicht sagt die vermeintliche Tochter eines Morgens: „Ich bin ein Junge, ich heisse Pascal!“
    Vielleicht möchte der vermeintliche Sohn heute ein Strandkleid anprobieren.
    Vielleicht ist das einfach ein Ausdruck von persönlichem Geschmack, vielleicht bleibt der Sohn trotz Strandkleid ein Junge, und vielleicht ist die Tochter übermorgen ein Drache statt ein Junge. Vielleicht ist es eine Phase, die nächste Woche wieder vorbei ist.
    Oder vielleicht hast du genau jetzt die Chance, auf eine wichtige Entscheidung im Leben deines Kindes positiv zu reagieren.
    Ich kann versprechen: Einem cis Kind schadet es nicht, sich auszuprobieren und zu erfahren dass trans Menschen existieren. Wenn es sich mit dem Geschlecht identifiziert, das bei der Geburt zugewiesen wurde, dann wird es das auch weiterhin tun, wenn es mal andere Pronomen und andere Kleidung ausprobieren durfte.
    Aber einem trans Kind kann es das Leben retten.
    Denn wenn trans Kinder unterdrückt werden, dann werden sie dadurch nicht zu cis Erwachsenen. Sondern sie werden zu unglücklichen trans Erwachsenen. Oder sie werden gar nicht erst erwachsen.

Und eigentlich ist das mit dem Geschlecht ja ganz einfach:
Die meisten Leute denken, es gäbe nur männlich und weiblich.
Das stimmt aber nicht.
Es gibt Menschen, die haben gar kein Geschlecht. Manche haben ein Geschlecht, aber es ist ein anderes als weiblich oder männlich. Bei manchen Leuten ändert sich das Geschlecht hin und wieder, manche haben sogar mehrere Geschlechter gleichzeitig, oder eine Mischung aus mehreren Geschlechtern. Wie das bei dir ist, kannst nur du selber sagen.

Die meisten Leute denken, man könne am Aussehen oder am Intimbereich erkennen, welches Geschlecht jemand hat.
Das stimmt aber nicht.
Du siehst Menschen ihr Geschlecht nicht an.
Nicht mal Ärzt’innen können das. Meist versuchen sie es trotzdem, und oft liegen sie falsch.
Was das Geschlecht einer Person ist, kann nur die Person selber sagen.

Die meisten Leute glauben, dass Menschen ein bestimmtes Geschlecht haben müssen, um bestimmte Dinge tun zu dürfen. Zum Beispiel pinke Sachen anziehen, oder mit Dinosauriern spielen.
Das stimmt aber nicht.
Welche Farben und Dinge wir mögen hat nichts mit Geschlecht zu tun.

Die meisten Leute glauben, dass wir immer das Geschlecht und den Namen und das Pronomen behalten müssen, das bei der Geburt für uns ausgesucht wurde.
Das stimmt aber nicht.
Ich habe meines zum Beispiel geändert, und du darfst das auch, wenn dir ein anderes besser gefällt.

Kinderleicht zu verstehen.

Empowerment

Mittlerweile sind sogenannte Regenbogenfamilien ja auch in unserer Gesellschaft den meisten Leuten ein Begriff. Leider bekommen sie immer noch einiges an Gegenwind. Zum Beispiel ist es für gleichgeschlechtliche Paare immer noch schwierig, Kinder zu adoptieren oder Reproduktionsmedizin in Anspruch zu nehmen. Juristisch dürfen nur höchstens 2 Menschen die Eltern eines Kindes sein — von den 3 Müttern des Kindes meiner Partnerin muss die eine Mama also auf offiziellen Dokumenten immer angeben, dass sie kinderlos sei. Das tut weh.
Und wenn eine trans Person ein Kind bekommt, dann wird sie mit falschem Namen und mit falschem Geschlecht in die Geburtsurkunde des Kindes eingetragen. Angeblich wird das so gemacht, um das Kind zu schützen. Aber wovor wird es denn geschützt, wenn in der Geburtsurkunde eine Person steht, die gar nicht mehr existiert?!

Also, als Beispiel: Thomas ist trans und bringt ein Kind zur Welt. Dann steht in der Geburtsurkunde dieses Kindes, dass die Mutter Tabea heisst (der alte Name von Thomas), und dass kein Vater bekannt ist (weil Thomas nur als Mutter eingetragen werden darf). Es ist schon schlimm genug, ständig einen falschen Namen und ein falsches Geschlecht auf so einem wichtigen Dokument sehen zu müssen, aber daraus ergeben sich auch noch rechtliche Probleme. Zum Beispiel will Thomas sein Kind in der KiTa anmelden: Das darf er nicht, weil er laut Geburtsurkunde gar nicht mit dem Kind verwandt ist. In der Geburtsurkunde steht ja nur eine Tabea drin, und die gibt es nicht mehr.
Oder Thomas möchte mit dem Kind verreisen. Am Zielflughafen wird er erstmal in Gewahrsam genommen, weil er das Kind ja entführt haben könnte — schliesslich steht er nicht in der Geburtsurkunde! Natürlich hat Thomas vorgesorgt, und den Gerichtsbeschluss seiner Namensänderung mitgenommen. Da steht also klar und deutlich, dass er früher Tabea hiess, und daher tatsächlich mit dem Kind verwandt ist. Problem: Der Gerichtsbeschluss ist auf Deutsch, und am Flughafen findet sich so schnell keine Person, die Amtsdeutsch übersetzen kann. Für den nächsten Flug lässt Thomas also eine beglaubigte Übersetzung des Gerichtsbeschlusses machen, was massig Geld kostet, und für jede Sprache neu gemacht werden muss. Und das nur, weil sich hierzulande die Behörden weigern zu akzeptieren, dass manchmal eben ein Mann ein Kind zur Welt bringt, oder eine Frau ein Kind zeugt.

Uns war also von Anfang an klar, dass die kleine queere Familie meiner Partnerin mit vielen solchen Problemen konfrontiert werden würde. Deswegen war es mir wichtig, ein bisschen gegenzusteuern. Ich wollte positive Zeichen setzen, die sagen: „Ihr seid gut so wie ihr seid. Es ist schön, dass es euch gibt!“ Im Aktivismus nennen wir das oft „Empowerment“. Das lässt sich Deutsch vielleicht mit „jemanden stärken“ übersetzen, oder mit „jemandem ein machtvolles Gefühl geben“ — eben als Gegensatz zu dem hilflosen und ausgelieferten Gefühl, das uns Behörden und die Gesellschaft oft geben. Besser ist Empowerment natürlich, wenn es jemandem echte Macht gibt. Zum Beispiel, wenn eine trans Person ein hohes Amt im Gericht innehat, und dadurch mitentscheiden kann, wie Gerichtsbeschlüsse für trans Menschen ablaufen. Aber manchmal helfen auch kleine Ermächtigungen.

Als das Kind meiner Partnerin zur Welt kam, wollte ich dem Baby deswegen einen kitschigen und empowernden Body schenken, der die queere Familie würdigt und den Zuwachs Willkommen heisst. Ich wollte einen anfassbaren Gegenstand schenken, der symbolisiert „ihr seid gut so wie ihr seid, dass es euch gibt macht die Welt ein bisschen besser!“

Aber das war gar nicht so einfach. Dass ich so etwas nicht in einem Laden vor Ort finden würde, war von vornherein klar. Da gibt es meist nicht einmal Babykleidung mit Regenbögen darauf. Im Gegenteil, meistens sind sexistische Sprüche wie „ich steh‘ auf Brüste“ oder „sorry Jungs, Papa sagt: keine Dates!“ auf den Stramplern. Ich suchte also online. Ich klickte mich durch verschiedene Motive, und irgendwann war mir klar was ich wollte: Den Text „I love my Moms“, und „love“ nicht als Wort, sondern als Herz in Regenbogen-Farben. Kitschig eben!

Das Problem: Es gab so einen Body nicht fertig zu kaufen. Und zwar aus einem Grund, auf den ich vorher nicht gekommen wäre: Es gab dieses Motiv nur mit dem Text „I love my 2 moms“.
Es war also jetzt zumindest online in der Gesellschaft angekommen, dass ein Baby 2 Mütter haben kann. Aber 3 Mütter? Oder eine unbestimmte Anzahl Mütter?  Unmöglich!
Da wollte ich also etwas nettes und empowerndes kaufen, um dem „ein Kind kann nur 2 Eltern haben, und am besten sind es Mutter und Vater“-Mist etwas entgegenzusetzen, und dann kam mir der gleiche Mist in Regenbogen-Farben direkt wieder in die Quere!

Am Ende habe ich den Strampler selbst gestalten und drucken lassen müssen.
Aber dafür ist er schön geworden und war ein tolles Geschenk!

Repräsentation

Ich glaube, dass es für Kinder wichtig ist, sich selbst und ihre Familie positiv dargestellt zu sehen — sei es in Büchern, in Filmen, oder in der Sprache. Ein ganz wichtiges Thema, das viele Kinder schon früh beschäftigt, ist die Frage: Wo komme ich her?

Darum habe ich „unserem“ Kind das Buch „Wie entsteht ein Baby?“ von Cory Silverberg und Fiona Smyth (hier in der Übersetzung von Franziska Brugger) geschenkt, denn es beantwortet diese wichtige Frage mit sehr schönen, kindgerechten Erklärungen:

Rechts oben eine stilisierte Eizelle in blau, links unten ein stilisiertes Spermium in gelb, in der Mitte der Text "Wie entsteht ein Baby?*

Das Buch erzählt, wie ein Baby entsteht, und zwar völlig ohne Geschlechtszuweisungen und ohne eine feste Vorstellung davon, wie eine „Familie“ auszusehen hat. Damit ein Baby entsteht, braucht es nämlich 3 Dinge: Eine Eizelle, eine Samenzelle, und einen Ort, wo das Baby wachsen kann, eine Gebärmutter.

linke Buchseite: Text "Das ist eine Eizelle" über der Darstellung einer Eizelle in blau auf lila Hintergrund. Rechte Buchseite: mehrere stilisierte Personen in den Farben rosa, gelb, rot, hellblau und dunkelblau, alle mit glücklichen Gesichtsausdrücken, manche haben im Körper eine Eizelle, manche eine Samenzelle, manche nichts.

Manche Menschen haben Eizellen in sich, manche nicht.
Manche Menschen haben Samenzellen in sich, manche nicht.
Manche Menschen haben eine Gebärmutter in sich, manche nicht.
Völlig unabhängig vom Geschlecht dieser Personen, und auch völlig unabhängig davon, ob (und wenn ja mit wem) sie Kinder bekommen möchten.

eine Parklanschaft in der viele Leute in unterschiedlichen Konstellationen spielen oder spazieren. Text "Wer hat dabei geholfen, dass die Eizelle und die Samenzelle zusammenkamen, aus denen du entstanden bist? Wer war glücklich, dass ausgerechnet DU dabei entstanden bist?"

Sicher ist: Irgendjemand war daran beteiligt, dass Samenzelle und Eizelle zusammenkamen und ein Kind daraus entstand. Das Kind meiner Partnerin kann jetzt schon benennen, wer das war. Und es weiss, dass ich zu den Leuten gehöre, die sich darüber gefreut haben.
Ich mag, dass das Buch auf menschentypische Hautfarben verzichtet, aber dafür bei sonstigen Körperformen Vielfalt abbildet. Es gibt verschiedene Arten von Haaren, es gibt sichtbare Körperbe_hinderungen, die Menschen haben unterschiedliche Alter und natürlich sind auch die Familienkonstellationen vielseitig.

Irgendwann ist das Baby wohl aus dem Bauch herausgekommen. In unserem Fall hat es sich dazu selbst entschieden. Ich mag, dass das Buch immer wieder auch dazu auffordert, über die eigene Situation zu sprechen. Wie war das bei dir? Wer hat sich darüber gefreut, dass du entstanden bist? Wie bist du aus dem Bauch herausgekommen?

Es gibt keine Vorgabe dazu, ob die Personen deren Eizellen oder Samenzellen beteiligt waren, auch die gleichen Menschen sind, die das fertige Baby dann in Empfang nehmen. Das Buch eignet sich also für alle Familienkonstellationen, sowohl ganz konservative wie auch sehr alternative. Und es ist eine gute Übung, um zu merken wie viele Vorannahmen eigentlich im eigenen Kopf noch drinstecken — die aber zur Entstehung eines Babys gar nicht unbedingt wichtig sind!

Und jetzt?

Jetzt bin ich gespannt, was „unser“ Kind in den nächsten Jahren aus all den  Möglichkeiten macht, die wir so an es herantragen — und welche ganz eigenen Themen es seinerseits an uns herantragen wird!

Und ich freue mich darüber, dass ihr trotz der langen Pausen immer wieder hier ein bisschen an meinem Leben teilhabt. Bis zum nächsten Mal!

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