Es ist Gewalt, nicht Angst

Am 17. Mai ist IDAHoBIT, der internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlickeit. An diesem Tag soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass die aufgezählten Menschengruppen immer noch stark diskriminiert werden.

Zu dieser Gelegenheit möchte ich einmal erklären, warum ich es eigentlich „Feindlichkeit“ nenne (zB Homofeindlichkeit), und nicht, wie viele andere Menschen, „Phobie“ (zB Homophobie).

Der Text wird ein bisschen lang, weil ich meine Gründe ausführlich erklären möchte, einige alternative Formulierungen vorstelle, und auf ein paar häufige Fragen eingehe.
Ausserdem werde ich konkrete Beispiele von queerfeindlichen Äusserungen zitieren.

Warum sage ich -feindlichkeit, statt -phobie?

Im Titel steht ja schon der Hauptgrund: Es handelt sich eben meistens nicht um eine Phobie (also eine Angststörung) sondern um Gewalt. Sei es körperliche Gewalt, oder verbale, oder systematische Gewalt, oder Gewalt durch Ausschluss.

Diese Unterscheidung ist mir aus 3 Gründen wichtig:

1. Für viele Menschen mit einer Angststörung (zB einer Spinnenphobie, Agoraphobie etc) ist es schrecklich, Gewalt gegen queere Menschen so bezeichnet zu sehen. Phobische Menschen sind ihrer Angst oft hilflos ausgeliefert. Sie können nichts dafür, dass sie Angst haben. Sie tun alles, um den Auslösern zu entkommen, sich von ihnen fernzuhalten, sich zu schützen. Das beeinträchtigt oft ihren ganzen Alltag, sie sind zB stark dadurch eingeschränkt, dass sie versuchen den Dingen aus dem Weg zu gehen, die Panik auslösen. Und wenn sie ihnen doch begegnen, macht das oft ihren ganzen Tag kaputt.

Wenn wir Gewalt gegen queere Menschen als Phobie bezeichnen, dann impliziert das, dass diese gewaltausübenden Menschen nichts dafür können, weil sie ihrer Angst ausgeliefert sind.
Und das ist ja Quatsch. Wenn eine Person tatsächlich transphob wäre, also panische Angst vor trans Menschen hätte, dann würde sie in erster Linie selbst unter dieser Phobie leiden. Weil die Phobie ihren Alltag zerstört und ihr das Leben schwer macht.

Transfeindlichkeit hingegen zerstört das Leben von trans Personen. Intoleranz, Diskriminierung, Beleidigungen und körperliche Gewalt gegen trans Personen erschweren trans Personen den Alltag – nicht der Person, die diese Gewalt ausübt.

Angst haben ist ausserdem kein Zwang dazu, sich schädlich zu verhalten. Die meisten Menschen würden aus Angst eher weglaufen und sich in Sicherheit bringen, nicht unbedingt angreifen.
Und oft ist Transfeindlichkeit ja auch gar keine Kurzschluss-Reaktion, sondern es sind wohlüberlegte Argumente und Hasskommentare. Oder es sind Äusserungen, bei denen Leuten einfach gar nicht bewusst ist, dass sie schädlich sein könnten.

Egal was der Grund ist: Die meisten Menschen, die transfeindlich handeln oder formulieren, sind nicht gezwungen, das zu tun. Sie könnten stattdessen einfach nichts sagen, oder weggehen, oder sogar etwas nettes, positives sagen, oder helfen statt gewalttätig zu werden. Selbst wenn es unabsichtlich passiert, ist es möglich, transfeindliche Formulierungen hinterher zu korrigieren, oder sich zumindest zu entschuldigen.

Sich transfeindlich zu verhalten ist eine ENTSCHEIDUNG.
Ich möchte nicht, dass das Wort „Phobie“ in Verbindung gebracht wird mit der Entscheidung, sich schädlich zu verhalten.
Das macht es nämlich auch für phobischen Menschen schwieriger, offen über ihre Phobie zu sprechen oder Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wenn wir bei „Phobie“ als erstes an Diskriminierung und Gewalt denken, dann stigmatisiert das phobische Menschen. Es tut so, als sei eine Phobie etwas negatives für die Umwelt, statt für die phobische Person. Es stellt die Ernsthaftigkeit von Phobien in Frage.

2. Natürlich kann es sein, dass sich eine Person zum Beispiel bifeindlich verhält, WEIL sie eine Biphobie hat: also eine spezifische Angststörung, die sich auf bisexuelle und biromantische Menschen bezieht. Das kann durchaus vorkommen. Dann braucht diese Person Hilfe. Und zwar Hilfe dabei, in einem Leben mit dieser Angst zurechtzukommen, ohne sich und anderen zu schaden. Menschen mit einer Biphobie haben Mitgefühl und Unterstützung verdient. Sie dürfen aber trotzdem nicht bisexuellen und biromantischen Menschen schaden.

Wahrscheinlich passiert es sogar recht oft, dass Menschen sich bifeindlich verhalten, weil sie Angst haben. Vielleicht Angst davor, mit dem Stigma gegenüber bisexuellen und biromantischen Leuten in Verbindung gebracht zu werden, oder Angst davor, ihr Weltbild zu verlieren, oder Angst davor, plötzlich weniger Rechte zu haben, wenn andere Menschen Rechte bekommen. Aber das ist immer noch nur Unwohlsein, Furcht, Angst, vielleicht Unsicherheit – keine Angststörung, keine Phobie.

Selbst wenn jemand tatsächlich Angst oder sogar eine Phobie hat, und DARUM bisexuellen und biromantischen Menschen schadet, möchte ich beim drüber sprechen nicht den Fokus auf diese Angst legen. Wenn du eine Studie machst, die herausfinden will, warum Menschen bifeindlich handeln oder formulieren, dann kann es sinnvoll sein, auch Biphobie als einen möglichen Grund zu untersuchen, und vielleicht sogar herauszufinden, was gegen Biphobie unternommen werden kann. Aber in den meisten anderen Situationen ist es nicht sinnvoll, den Fokus auf die Angst hinter einer bifeindlichen Äusserung oder Handlung zu legen.

Angst ist ja nur einer von ganz vielen möglichen Gründen, aus denen Menschen bifeindlich handeln. Andere Gründe können Intoleranz sein, oder sogar Hass, oder Ignoranz. Manche Menschen sind aus reiner Mononormativität bifeindlich, oder weil sie gar nicht wussten, dass etwas was sie tun bifeindlich ist. Oder vielleicht, weil sie einen Vorteil davon haben, und es ihnen egal ist, dass sie dadurch bisexuellen und biromantischen Menschen schaden. Es wäre also unsinnig, von all diesen Motiven nur Biphobie als Grund für Bifeindlichkeit zu benennen.

Zum einen ist es deswegen unsinnig, weil wir meistens die Motive und Ursachen gar nicht kennen, aus denen eine Person sich bifeindlich verhält. Meistens können wir nicht fragen, oder würden keine sinnvolle Antwort bekommen. Und es ist nicht möglich, jemandem als Laie aus der Ferne eine Angststörung zu diagnostizieren. Das dürfen nur medizinische Fachleute oder die Person für sich selbst. Wenn eine Person sich bifeindlich verhält, dann wissen wir also in aller Regel nicht, ob sie biphob ist. Wir wissen aber, dass ihr Verhalten bisexuellen und biromantischen Menschen schadet.

Zum anderen ist es unlogisch und beleidigend für die Opfer von Gewalt, sich überhaupt auf Motive zu fokussieren. Wenn es um Bifeindlichkeit in der Welt geht, oder um Systeme und Strukturen in der Gesellschaft, die bifeindlich sind, dann sollte der Fokus auf der Frage liegen, wem es schadet. Nämlich eben bisexuellen und biromantischen Menschen. Das ist schliesslich das Ergebnis, das es zu ändern gilt – egal ob es aus Absicht, aus Angst oder aus Versehen passierte. Es geht dann darum, die diskriminierten Menschen zu schützen, ihnen zu helfen, sie zu unterstützen. Im Alltag hilft es oft schon, zu sagen „ich sehe diese Gewalt, die dir angetan wird, und du bist nicht alleine damit, ich stehe bei dir“. Es geht darum, sichtbar zu machen, dass Bifeindlichkeit existiert, und klar dazu zu stehen, dass das nicht in Ordnung ist.

Das mag einleuchtend klingen, aber es ist leider noch immer nicht selbstverständlich. Ich kann gar nicht zählen, wie oft mir gesagt wurde „das ist doch gar nicht so schlimm“ oder „lass es halt nicht an dich heran“, oder „also ich finde das nicht diskriminierend“, oder sogar „du bist selber schuld“.
Deswegen: Zeig, dass du diese Gewalt siehst, und dass du dagegen bist!

So können wir dafür sorgen, dass die Welt ein sicherer Ort für uns alle wird.

3. Ein weiterer Grund für mich, nicht „Phobie“ zu sagen, ist, dass die Diskriminierung oft gar nicht von einzelnen Personen ausgeht. Ein Mensch kann vielleicht enbyphob sein, also eine Angststörung gegenüber nichtbinären Personen haben, oder sich vor nichtbinären Menschen gruseln. Aber ein Formular?
Wenn ich auf einem Formular nur „Mann“ oder „Frau“ ankreuzen kann, dann liegt das nicht an einer Phobie oder an Angst vor mir. Im Gegenteil, meistens sind die Menschen, die mir das Formular geben, sogar peinlich berührt und entschuldigen sich dafür. Sie ärgern sich mit mir gemeinsam darüber, dass das Formular mich ausschliesst, und versuchen mir zu helfen, dieses Problem zu lösen.

Die Diskriminierung ist oft institutionell und systematisch. Es wurde einfach schon immer so gemacht, und niemand hat darüber nachgedacht, dass es schlecht sein könnte. Das ist Enbyfeindlichkeit, denn es schadet mir als nichtbinäre Person, es macht die Welt für mich ein Stück lebensfeindlicher. Aber es ist wahrscheinlich keine enbyphobe Person beteiligt.

Und trotzdem gibt es ja wohl Personen, die für diese Formulare verantwortlich sind. Irgendwo ist eine Person, die IT-Fachleute damit beauftragen könnte, die Formulare zu ändern. Diese Person hat die Verantwortung, die Diskriminierung zu stoppen. Wenn ich benenne, dass dieses Formular enbyfeindlich ist, dann ist verständlich, dass etwas dagegen getan werden sollte. Wenn ich hingegen die Formular-verantwortliche Person als enbyphob bezeichnen würde, dann liegt der Fokus nicht auf dem Problem, sondern auf der Person. Die verantwortliche Person sagt dann vielleicht „nein nein, nichtbinäre Menschen sind mir wichtig, ich bin nicht enbyphob“. Dadurch ändert sich das Formular aber nicht.

Es passiert in dieser Welt sowieso viel zu oft, dass Diskriminierung und Gewalt entschuldigt wird mit „die Person konnte nichts dafür“ oder „es war ja nicht böse gemeint“. Das zieht Menschen, die Macht haben, aus der Verantwortung. Es kann ja sein, dass die Person es nicht böse meinte. Aber sie sollte trotzdem nicht diskriminieren. Das Resultat darf nicht sein, dass wir Gewalt aushalten müssen, um gewalttätige Personen zu schützen. Das Resultat muss sein, dass Gewalt und Diskriminierung aufhören.
Darum benenne ich, dass es Gewalt ist, und wem es schadet.

 

Welche anderen Wörter gibt es

Okay, ich benutze also nicht das Wort „Homophobie“, wenn ich Gewalt gegen homosexuelle und homoromantische Menschen meine, oder „Transphobie“ für Gewalt gegen trans Menschen. Aber was dann?

Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten.

* Transfeindlichkeit
Dieser Begriff betont, dass es trans Menschen schadet. So ähnlich wie wir sagen könnten „die Antarktis ist ein lebensfeindlicher Ort“, schaffen transfeindliche Handlungen und Äusserungen eine lebensfeindliche Umgebung für trans Menschen. Es muss auch kein böser Wille dahinterstehen – die Antarktis macht das schliesslich auch nicht mit Absicht! – aber egal ob gut gemeint oder böswillig, das Ergebnis ist, dass es trans Menschen das Leben schwer macht.
Zum Beispiel wenn jemand behauptet, trans Männer seien keine „richtigen“ Männer.

Analog gibt es Homofeindlichkeit gegen homosexuelle und homoromantische Menschen, Interfeindlichkeit gegen intergeschlechtliche Menschen, Acefeindlichkeit gegen asexuelle Menschen, und so weiter.
Ich mag diese Begriffe vor allem, weil ich einfach die bekannten Begriffe mit -phobie nehmen und die Endung durch -feindlichkeit austauschen kann.

* Heteronormativität / heteronormativ
Dieser Begriff sagt aus, dass es in unserer Gesellschaft als „normal“ gilt, heterosexuell und heteroromantisch zu sein. Alles, was davon abweicht, wird bestenfalls als „anders“ oder „komisch“ angesehen, oft jedoch als „krankhaft“ oder „pervers“. Ich benutze diesen Begriff, wenn ich sagen will, dass hetero sein ganz selbstverständlich als Norm angesehen wird, und dadurch Leuten schadet, die nicht hetero sind.
Zum Beispiel, wenn es auf Steuerformularen für verheiratete Paare nur Felder gibt für einen „Ehemann“ und eine „Ehefrau“.

Analog gibt es Cisnormativität für gesellschaftliche Erwartungen die trans Menschen schaden, Allonormativität wenn sie asexuellen Menschen schaden, Binärnormativität wenn sie nichtbinären Menschen schaden, und so weiter.

* Ciszentrismus / ciszentristisch
Ähnlich wie bei der Endung -normativ macht die Endung -zentristisch deutlich, dass eine bestimmte Art zu sein im Fokus, im Zentrum steht. Im Fall von Ciszentrismus steht eben cis sein im Fokus, und trans sein wird ausgeblendet oder vergessen.
Zum Beispiel wenn Tampons als „weibliches Hygieneprodukt“ bezeichnet werden.

Analog gibt es die Wörter Heterozentrismus für Aussagen und Dinge die heterosexuelle und heteroromantische Menschen im Fokus haben, Allozentrismus für allosexuelle Menschen, und so weiter.

* Allosexismus / allosexistisch
Ich weiss nicht genau, wo die Endung -sexismus herkommt, aber ich erkläre es mir so: Sexismus basiert auf der Annahme, dass es zwei Geschlechter gibt, und dass eins davon weniger wert ist. Daraus leiten sich in unserer Gesellschaft viele weitere Annahmen ab. Eine davon ist zum Beispiel, dass Menschen, die Sex haben wollen, mehr wert sind, als solche die grundsätzlich keinen Sex haben wollen. Um diesen speziellen Aspekt von Sexismus zu betonen, gibt es das Wort Allosexismus. Allosexistische Äusserungen und Handlungen sind also solche, die davon ausgehen, dass allosexuelle Menschen (also solche mit dem Bedürfnis nach Sex) mehr wert sind als asexuelle Menschen.
Zum Beispiel die Vorstellung, dass Menschen erst dann zu vollwertigen Erwachsenen werden, wenn sie Sex gehabt haben. Oder Aussagen wie „der Mensch ist ein sexuelles Wesen“, die implizieren, dass asexuelle Menschen keine „echten“ Menschen sind.

Analog gibt es die Wörter Cissexismus für die Annahme, dass cis Menschen mehr wert sind als trans Menschen, Heterosexismus für die Annahme dass hetero Menschen mehr wert sind als Menschen die nicht hetero sind, Monosexismus für die Annahme dass monosexuelle und monoromantische Menschen (deren Anziehung sich nur auf Menschen eines einzelnen Geschlechts richtet) mehr wert seien als bisexuelle, biromantische, pansexuelle und panromantische Menschen, und Intersexismus für die Annahme, dass intergeschlechtliche Menschen WENIGER wert sind als nicht-intergeschlechtliche (Achtung, im Fall von Intersexismus ist die Benennung andersrum als bei den anderen Beispielen).

* Hass
Dieses Wort ist wohl selbsterklärend und ziemlich umfassend benutzbar. Beispielsweise bezeichnet der Begriff „Hassverbrechen“ solche Verbrechen, die als Motiv den Hass gegen eine bestimmte Menschengruppe haben, oder die Hass auf bestimmte Menschengruppen fördern. Wenn zum Beispiel negative Stereotype über Schwule verbreitet werden, oder zum Ausgrenzen oder gar Töten von trans Menschen aufgerufen wird, dann schürt das Hass gegenüber diesen Personengruppen.

* Diskriminierung
Eine Diskriminierung besteht dann, wenn Menschen aufgrund einer bestimmten Eigenschaft systematisch benachteiligt werden oder als weniger wert gelten. Es ist zum Beispiel diskriminierend gegenüber nichtbinären Personen, wenn wir unser Geschlecht in Formularen nicht korrekt angeben können.

* Intoleranz
Intoleranz ist meistens keine direkte Anfeindung wie bei Hass oder Diskriminierung, sondern eher eine subtile Abwertung. Es geht darum, Menschen als „anders“ und darum als weniger wert zu bezeichnen, und so zu tun, als wären diese Menschen selbst schuld daran.
Eine Aussage wie „die können ja machen was sie wollen, aber nicht da wo ich es sehen kann“ ist zum Beispiel intolerant.

* Erasure & Invisibility
Diese Begriffe bedeuten „Ausradieren“ und „Unsichtbarkeit“. Es geht darum, dass queer zu sein (oder sein zu können), unsichtbar gemacht und versteckt wird.
Zum Beispiel ist es Ace Erasure, wenn eine fiktive Figur in der Buchvorlage asexuell ist, und in der Film-Umsetzung dann plötzlich nicht mehr. Oder wenn eine reale Person queer war, und diese Tatsache in ihrer Biographie später nicht auftaucht.
Und es ist Bi Invisibility, wenn eine TV-Figur früher eine Liebesbeziehung mit einer Person eines anderen Geschlechts hatte und später eine gleichgeschlechtliche Beziehung, aber trotzdem behauptet wird, dass sie „jetzt homosexuell“ sei, statt dass sie bi sein könnte.

* Wörter auf Englisch
Auch auf Englisch wird oft -phobia benutzt. Stattdessen benutze ich meistens die Endung -misia / -misic (homomisia, transmisic, etc), was auf dem gleichen Wortstamm beruht wie „Misogynie“ (Frauenfeindlichkeit) und „Misanthropie“ (Menschenfeindlichkeit). Auch hier kann einfach die Endung -phobia ersetzt werden durch -misia, ich finde das sehr praktisch.

Andere englische Alternativen sind hate (trans hate, ace hate), oppression (gay oppression, bi oppression), anti (anti trans, anti gay), antagonism (inter antagonism, lesbian antagonism), hostility (ace hostility, gay hostility), bigotry und natürlich die obigen Beispiele wie erasure, -sexism, -centrism, discrimination und normativity.

 

All diese Begriffe bezeichnen Gewalt gegen queere Menschen. Aber selbstverständlich schaden sie nicht NUR queeren Menschen. Homofeindliche Äusserungen zum Beispiel schaden oft auch femininen hetero Männern. Interfeindliche Vorstellungen haben auch auf das Körperbild von nicht-intergeschlechtlichen Menschen einen negativen Einfluss. Und so weiter. Aber es ist wichtig zu benennen, gegen wen sich die Gewalt in erster Linie richtet.

Die meisten aufgezählten Begriffe sind synonym verwendbar. Ob ich etwas als homofeindlich oder als heterosexistisch bezeichne, macht meistens keinen Unterschied.
Es kann aber nützlich sein, gezielt den Fokus auf einen bestimmten Aspekt zu richten. Beispielsweise kann ich eine Äusserung als transfeindlich oder als cissexistisch bezeichnen und damit exakt dasselbe meinen, aber manchmal will ich damit zB betonen dass es trans Menschen schadet, und manchmal, dass es auf der Annahme beruht, alle Menschen seien cis.
Manche Wörter sind mir auch einfach sympathischer als andere. Ob ich etwas als Allonormativität, als Allozentrismus oder als Allosexismus bezeichne, kann davon abhängen welche Wörter ich für einfacher verständlich halte, oder wie stark ich betonen möchte, dass diese Annahmen meistens nicht hinterfragt werden.
Und natürlich würde ich Formulare, auf denen ich nur „weiblich“ und „männlich“ ankreuzen kann, nicht als Hass bezeichnen, wohl aber als Enbyfeindlichkeit, Diskriminierung und Binärnormativität.

Mit der Endung -feindlichkeit bin ich in aller Regel richtig, denn es benennt deutlich, für welche Personen eine lebensfeindliche Umgebung geschaffen wird.

Schön finde ich daran, dass es auch ein Gegenstück gibt. Statt -feindlich kann etwas nämlich auch -freundlich sein. Wenn ein Formular das Geschlecht als Freitextfeld abfragt, ist es zum Beispiel enbyfreundlich. Ein Laden, der BHs explizit „für Menschen die BHs wollen, egal welchen Geschlechts“ verkauft, ist transfreundlich. Und so weiter.

 

Fragen und Antworten

Wenn ich erzähle, dass ich lieber -feindlichkeit sage statt -phobie, dann kommen eigentlich immer etwa die gleichen Rückfragen und Reaktionen. Darum habe ich sie hier gesammelt und Antworten dazugeschrieben!

* Ist es nicht besser, bekannte Begriffe zu verwenden?
Es funktioniert andersrum: Begriffe werden dadurch bekannt, dass sie benutzt werden!
Wenn du glaubst, dass Leute nicht verstehen wovon die Rede ist, oder wenn du von Suchmaschinen gefunden werden willst, dann kannst du ja zum Beispiel in einem Artikel schreiben „Transfeindlichkeit, oft fälschlich Transphobie genannt“ oder so.
Ausserdem ist meiner Erfahrung nach die Endung -feindlichkeit viel intuitiver verständlich als -phobie.

* Der Begriff Phobie steht in der Chemie für „Aversion“, also Abneigung. Das passt doch? Eine hydrophobe Oberfläche hat ja auch keine Angst vor Wasser!
Die hydrophobe Oberfläche würde aber wahrscheinlich auch kein Wasser verprügeln oder diskriminieren, sondern es eben meiden.
Ausserdem steckt auch hier die Vorstellung drin, dass die Oberfläche gar nichts dafür kann, dass sie wasserabweisend ist. Sie ist nunmal einfach so, kann sich nicht ändern oder sich bemühen freundlich zu Wasser zu sein.
Menschen können das aber. Menschen haben die Macht, einfach die Klappe zu halten, oder netter zu formulieren. Ich möchte keine Begriffe verwenden, die Gewalt ausübenden Menschen die Verantwortung entziehen, sich respektvoll zu verhalten.

* Wörter verändern sich eben, Phobie bedeutet jetzt etwas Neues.
Die alte Bedeutung von „Phobie“, nämlich „Angststörung“, wird jedoch immer noch benutzt. Transphobie im Sinn von „jemand hat eine Angststörung die sich auf trans Menschen bezieht“ existiert ja wirklich.

* Manchmal bedeuten gleiche Wörter verschiedene Dinge, wie bei Kiefer (der Baum) und Kiefer (das Körperteil). Aus dem Kontext wird trotzdem klar dass mit Phobie keine Angststörung gemeint ist.
Aussagen wie „Homophobie ist eine heilbare Krankheit“, „du musst mit homophoben Menschen verständnisvoll umgehen“ und „aber oft steckt doch wirklich eine Angst dahinter!“ zeigen aber leider, dass viele Leute das nicht unterscheiden können.
Tatsächlich wurde der Begriff „Homophobie“ eingeführt, um „irrationale Angst vor Homosexuellen“ zu bezeichnen, und bezog sich unter anderem auf die Angst, sich mit Homosexualität „anzustecken“. Erst später wurde der Begriff ausgeweitet auf Diskriminierung und Gewalt. Ich finde diese Entwicklung gefährlich.

Ich finde auch, dass homophobe Menschen Verständnis und Hilfe brauchen – aber homofeindliche Äusserungen und Handlungen sind eben trotzdem nicht in Ordnung. Wenn ich dafür unterschiedliche Wörter benutze, kann ich adäquat damit umgehen und benennen was ich genau meine.
Wenn wir beides „Phobie“ nennen, dann wird dadurch Diskriminierung pathologisiert, was sowohl denen schadet, die von der Diskriminierung betroffen sind (zB Homosexuellen), wie auch denen, die tatsächlich eine Angststörung haben.

* Ich habe selbst eine Phobie und finde das trotzdem nicht schlimm!
Das freut mich für dich. Aber das ändert leider nichts daran, dass es 1. für viele andere phobische Menschen eben doch schrecklich ist, und 2. der Begriff Phobie ja trotzdem jede Menge Nachteile und ungünstige Assoziationen mit sich bringt.
Dass es für dich persönlich okay ist, sollte kein Argument dafür sein, andere Betroffene zu diskriminieren.

 

Weitersagen

Vor einiger Zeit habe ich die Hauptargumente gegen den Begriff Homophobie auf einen kleinen Flyer gesammelt.

Homofeindlichkeit, Hass, Heterosexismus, Diskriminierung Nicht „Phobie“. Es ist keine Angst, es ist Gewalt. Warum besser „Homofeindlichkeit“ statt „Homophobie“? + Wichtig ist, wem es schadet, nicht was der vermeintliche Grund war. + Leute, die homofeindlich handeln, diskriminieren absichtlich oder aus Unwissenheit. Sie sind nicht einer Angst ausgeliefert. + Eine Phobie ist eine Angststörung, darunter leiden phobische Menschen. Aber unter Homo-feindlichkeit leiden homosexuelle (und andere nicht-heteronormative) Menschen. Englisch: -hate, -oppression, -discrimination, anti-

Ihr könnt den Flyer gerne ausdrucken und weiterverbreiten!

Als PDF-Datei
Als ODT-Datei

(Disclaimer: Ihr dürft den Flyer speichern, ausdrucken und verteilen. Ihr dürft aber kein Geld dafür verlangen, ihr dürft den Flyer nicht verändern, und ihr dürft nicht behaupten, dass ihr ihn selbst gemacht habt.)

Danke fürs Lesen!

Jetzt weisst du, warum ich und viele andere Menschen zu Diskriminierung, Intoleranz und Gewalt gegenüber queeren Menschen lieber „Queerfeindlichkeit“ sagen, statt „Queerphobie“. Schliesslich soll die Welt nicht nur für queere Menschen ein besserer Ort werden, sondern auch für phobische – nicht zu vergessen, dass Menschen auch queer UND phobisch sein können!

Danke an Mika Murstein, Lian, Ash und Theresa fürs unermüdliche aufklären und erklären! Danke an Eric Varpunen fürs Allosexismus-Beispiel! Danke an Natanji, Nanouk und Kon fürs ausführliche korrekturlesen! <3

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Eine Antwort zu Es ist Gewalt, nicht Angst

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