Offizieller nichtbinärer Geschlechtseintrag

Die Neuigkeit gleich vorneweg:
Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass in Deutschland ein 3. Geschlechtseintrag geschaffen werden muss!

Und jetzt der Reihe nach, wie es dazu kam:

Bis vor vier Jahren gab es in Deutschland für amtliche Dokumente nur die 2 Geschlechts-Optionen „männlich“ und „weiblich“. Mit Hilfe des Transsexuellengesetzes war es auf sehr mühsame Art möglich, von einem zum anderen zu wechseln.

In mehreren anderen Ländern gibt es schon länger die Option, in amtlichen Dokumenten einen dritten Geschlechtseintrag statt weiblich oder männlich zu haben. Teils geht das nur unter obskuren Umständen, oder nur für bestimmte Situationen oder Personen. Konkrete Beispiele dafür sind Australien, Neuseeland, Indien, manche Staaten der USA, Nepal und Bangladesch.
Auf internationaler Ebene gibt es also schon länger 3 Optionen, nämlich F, M und X.

Im November 2013 kam in Deutschland eine neue Art von Geschlechtseintrag hinzu, nämlich, das Feld einfach leer zu lassen, statt „w“ oder „m“ hineinzuschreiben.
Diese Möglichkeit konnte aber nicht selbst gewählt werden, sondern wurde intergeschlechtlichen Neugeborenen aufgezwungen.

Kleiner Exkurs: Intergeschlechtlich (auch „intersex“ oder „zwischengeschlechtlich“) bedeutet, dass der Körper einer Person auf angeborene Weise nicht ins medizinische 2-Geschlechter-System passt. Viele intergeschlechtliche Menschen identifizieren sich aber klar als Mann oder als Frau, während manche nichtbinär sind.

Dieses neue Gesetz wurde von Betroffenenverbänden und vom Deutschen Ethikrat aufs schärfste kritisiert. Denn statt zu helfen, sorgt dieses Gesetz für Zwangs-Outings, für mehr Stigma, für mehr unnötige und aufgezwungene chirurgische Eingriffe an kleinen Kindern, und wahrscheinlich auch für mehr Spät-Abtreibungen. Hier ist ein Link zu dieser Kritik. Zudem sind viele Gesetze (Heirat, Familie, etc) und Institutionen (öffentliche Toiletten, Schulen, Gefängnisse, etc) nicht darauf ausgelegt, dass es geschlechtslose Menschen gibt. Diese wurden allerdings nicht angepasst.

Im Juli 2014 reichte Vanja zusammen mit dem Team von dritte-Option.de offiziell den Antrag auf einen *echten* 3. Geschlechtseintrag ein. Dieser Eintrag soll „inter*/divers“ lauten. Dieser Antrag wurde über die Jahre von mehreren Instanzen abgelehnt. Ich hatte hier schon mal über eines dieser Urteile geschrieben.

Anfang 2015 entschied das Oberlandesgericht Celle, dass es keinen echten 3. Geschlechtseintrag braucht, weil es ja schon möglich ist, den Geschlechtseintrag leer zu lassen. Das müsse für Menschen, die weder weiblich noch männlich sind, genügen.

Daraus liess sich aber schliessen, dass auch Menschen die NICHT intergeschlechtlich sind, diesen leeren Geschlechtseintrag bekommen können.
2017 wurde bekannt, dass das auch tatsächlich geht. Eine trans Person, die den Geschlechtseintrag zunächst zwischen weiblich und männlich hatte ändern lassen weil damals noch nichts anderes ging, klagte auf die Streichung des Geschlechtseintrags und bekam recht. Das Gericht urteilte nach einigem Hin und Her, es ginge schliesslich um die Identität der Person, nicht um irgendwelche körperlichen Merkmale. Die Identität dieser Person sei offenbar weder männlich noch weiblich, und die einzige rechtliche Option dafür sei eben die Streichung bzw leer lassen des Geschlechtseintrags.

Das war für mich schon sehr grossartig. Ich habe ja keine Deutsche Staatsbürgerschaft, aber unter bestimmten Umständen wäre es für mich trotzdem möglich, den Geschlechtseintrag nach Deutschen Gesetzen ändern zu lassen. Das war.. wow.
Der Gedanke, dass in meinen Ausweisen tatsächlich einmal kein falsches Geschlecht mehr stehen könnte. Dass ich endlich auch offiziell staatlich anerkannt weder männlich noch weiblich sein könnte. So ein riesiger Gedanke. Mut machend, ein bisschen gruselig, und so unglaublich toll.
Der Weg, den Geschlechtseintrag zu ändern, ist ja leider furchtbar kompliziert und erniedrigend. Es braucht psychiatrische Gutachten, Gerichtsbeschlüsse, es ist teuer und kostet Zeit und Nerven, man wird von Fremden beurteilt und muss sich offenlegen, und wenn man nicht genug Stereotypen entspricht, oder etwas falsches sagt, dann ist alles umsonst.
Aber durch dieses Urteil wurde das für mich plötzlich zu einer Option. Mich da durchzukämpfen, trotz allem. Weil die Lösung endlich realistisch erreichbar war.

Und jetzt kommt es noch besser:
Das Bundesverfassungsgericht gibt der Klage von 3.Option recht!

Laut Bundesverfassungsgericht verstösst es gegen das Persönlichkeitsrecht und das Diskriminierungsverbot, dass nichtbinäre Menschen sich mit einem leeren Geschlechtseintrag zufrieden geben sollen. Stattdessen muss ein tatsächlicher 3. Eintrag geschaffen werden.

Hier ist ein Link zur Pressemitteilung vom Gericht. Darin wird stark betont, dass es um Identität geht, nicht unbedingt um körperliche Merkmale. Ich hoffe deswegen sehr, dass dieser 3. Eintrag dann auch wirklich allen Menschen offen steht, die ihn wollen – und nicht Leuten aufgezwungen oder vorbehalten wird, die ihn einer medizinischen Diagnose nach haben sollten.

Bis Dezember 2018 soll der neue Geschlechtseintrag und das ganze Drumherum ausgearbeitet werden. Ich hoffe sehr, dass das klappt und gut wird. Das ganze Urteil findet ihr auf der Webseite von 3.Option.

So oder so: Das ist ein riesiger Erfolg für nichtbinäre Menschen in Deutschland, ob jetzt intergeschlechtlich oder nicht.

Vielen vielen Dank an Vanja und alle von 3.Option, dass ihr das durchgekämpft habt! DANKE!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Infos, Persönliches abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Offizieller nichtbinärer Geschlechtseintrag

  1. querdenkerweb schreibt:

    Endlich hat auch das Bundesverfassungsgericht erkannt, dass das Grundgesetz für alle gilt. Ein wichtiger Tag für unsere Gesellschaft! Inter- und transsexuelle Menschen haben auch eine Identität, sie sind nicht „keine Angabe“ oder ein leeres Kästchen im Formular. Nun ist zu hoffen, dass die Umsetzung nicht zu lange auf sich warten lässt.

  2. Pingback: Reblog: Offizieller nichtbinärer Geschlechtseintrag – Unpacking my gender box

  3. Cora schreibt:

    yes!!! vielleicht der erste große schritt von deutscher seite in richtung akzeptanz und toleranz von trans* und inter menschen 💙

  4. Pingback: Mama ist nicht-binär – Interview mit Zesyra – unangespießt

  5. Pingback: Zwei-, zwei-, zweiter Post! – bistimmt.blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s