Warum wir über die Definition von „trans“ streiten

Im Gespräch mit trans Menschen fällt mir immer wieder auf, wie unterschiedlich wir „trans“ definieren. Manchmal ist das bereichernd, oft ist es frustrierend, meistens finde ich es erstaunlich und spannend.

Schlimm ist es aber, wenn diese Uneinigkeit von Aussenstehenden benutzt wird, um sich über uns trans Menschen lustig zu machen. „Die wissen ja selbst nicht was sie sind“, wird gesagt, und dass sie uns dann ja nicht ernst nehmen müssen.
Oder, ein bisschen netter formuliert, dass es schwierig sei, allen gerecht zu werden, dass ja langsam „niemand mehr weiss was man noch sagen darf“, und dass sie dann lieber gar nichts sagen und uns links liegen lassen.

Mich erstaunt das. Nicht, dass Ausflüchte gesucht werden, um sich nicht für uns einzusetzen. Aber dass Leute offenbar denken, wir müssten uns alle einig sein, bloss weil wir trans sind.

Selbstverständlich sind wir keine homogene Gruppe.
Wie könnten wir das auch sein?

Wie wir mit der Definition von „trans sein“ umgehen, hängt von so unglaublich vielen verschiedenen Faktoren ab.

Zum Beispiel davon, wie und wann wir unser Coming In hatten, also in welchem Alter und auf welche Art uns bewusst wurde, dass wir trans sind. Und ob das in den 70ern oder vor drei Jahren war. Es hängt auch davon ab, welche Informationen über trans Leute wir haben, wie in unserem Umfeld oder in Zeitungen und im Fernsehen über trans Personen gesprochen wird. Davon, was wir über Transitionsmöglichkeiten wissen, welche uns zur Verfügung stehen, an wen wir uns wenden müssen um beispielsweise Hormone oder eine Personenstandsänderung zu bekommen. Es hängt davon ab, wie transfeindlich oder transfreundlich unser Umfeld ist, und wie frei wir uns in Geschlechterrollen entfalten können. Davon, welche finanziellen, juristischen und medizinischen Möglichkeiten wir haben. Welche Vorbilder und Idole uns zur Verfügung stehen, an denen wir uns orientieren können. Und natürlich, welchen emotionalen Rückhalt wir haben, ob wir alleine sind oder uns jemand darin bestärkt, das Beste für uns zu finden. Es hängt auch davon ab, wie stark und unter welcher Art von →Dysphorie wir leiden. Und welche Arten von Mehrfachdiskriminierung (Rassismus, Ableismus, Klassismus, Sexismus, etc) noch dazukommen..

All diese Faktoren (und noch viel mehr!) beeinflussen, wie wir mit unserem trans sein und dem trans sein anderer Leute umgehen.

Sie beeinflussen, wie stark wir uns bedroht fühlen von körperbezogenen Definitionen, von „post gender“-basierten Definitionen, von Definitionen die auf sozialen Dingen, auf Identität, auf Transitionserfahrung, auf Gewalterfahrung, auf Messbarkeit fokussieren.

Und sie beeinflussen, wie wir mit trans Menschen umgehen, die (gefühlt) weniger „Probleme“ haben als wir, die weniger oder andere Kämpfe austragen müssen als wir, oder die ihre Art von trans sein anders leben als wir es kennengelernt haben. Die Dinge, die wir uns in unserem Leben am stärksten erkämpfen mussten, wollen wir oft am wenigsten „aufgeben“. Und etwas aus einer „allgemeingültigen“ Definition zu streichen fühlt sich nunmal oft nach aufgeben an. Danach, die eigenen Erfahrungen, die eigenen Kämpfe und errungenen Siege, die eigene Lebensrealität, das eigene Leiden herabzustufen.

Ausserdem sind Definitionen auch politische Positionen.
Sie beeinflussen, welche Rechte uns in Zukunft zur Verfügung stehen, welche Dinge von der Krankenkasse bezahlt werden, welche Kriterien die Gutachten-Schreibenden benutzen.
Es kann lebensgefährlich sein, eine bestimmte Definition von trans sein aufzugeben.

Trans sein ist keine Erfahrung die nach Schema F für alle gleich abläuft.
Wir kommen alle aus verschiedenen Richtungen, haben unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Ziele.

Manche wollen in Ruhe und unerkannt leben.
Manche wollen sich aktivistisch einsetzen.
Manche wollen das eine und sind gezwungen das andere zu tun.

Selbstverständlich haben all diese Leute unterschiedliche Definitionen und Herangehensweisen vom Thema trans.

Für viele von uns geht es schliesslich ums Überleben.
Und wir sind so oft sosehr gewohnt, dass wir täglich mit dem System und transfeindlich argumentierenden Leuten streiten müssen um überhaupt leben zu dürfen, dass wir automatisch unsere Position, unser Sein verteidigen. Gegen alle.
Wir sind es gewohnt, dass auch Menschen die uns helfen wollen, die Verbündete sein sollten, sich plötzlich als schädlich und respektlos herausstellen können.
Das ist manchmal ganz schön bitter, und erschwert es sehr, uns untereinander einig zu sein.

Und trotz aller Unterschiede: Wir haben Respekt verdient.
Wir haben verdient, dass uns weniger Steine in den Weg gelegt werden.

Machen wirs doch so:
Ich definiere was mein Geschlecht ist.
Du definierst was dein Geschlecht ist.
Und wir finden Lösungen, die uns beide nicht ausschliessen.

Danke.

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8 Antworten zu Warum wir über die Definition von „trans“ streiten

  1. Marianne schreibt:

    Inwiefern geht es denn „ums Überleben“? Ist das nicht ein bisschen überdramatisiert, zumindest hierzulande?

    • geschlechtsneutral schreibt:

      Hallo Marianne,

      auch „hierzulande“ werden noch viele Kinder nach einem trans Outing von den Eltern rausgeworfen und stehen auf der Strasse. Kündigungen und Arbeitslosigkeit treffen trotz Antidiskriminierungsgesetzen viele trans Menschen nach einem Outing. Auch hierzulande werden Menschen die sichtbar trans sind auf offener Strasse verprügelt, beschimpft, angespuckt, und schlimmeres.

      Und wenn du Glück hast? Eine Transition braucht unglaublich viele Nerven und finanzielle Mittel. Nerven, weil du erstmal mindestens 3 Leuten _beweisen_ musst, dass du wirklich trans bist – zum Teil über mehrere Jahre hinweg. Und das sind oft Leute, die zum Beispiel finden dass Frauen keine Hosen oder kurze Haare tragen sollten, und beim Sex immer unten liegen wollen – und wenn du nicht in dieses Schema passt, bist du keine richtige Frau und bekommst die Erlaubnis zur Transition nicht.
      WENN du die Erlaubnis bekommst, musst du damit vor Gericht, und dort nochmal durchsetzen, dass du tatsächlich bist was du behauptest.
      Die finanzielle Seite wird oft unterschätzt: Eine einfache Personenstands- und Namensänderung kann gut einfach mal 5000 Euro kosten. Die du selbst bezahlen musst, wenn dir keine Prozesskostenübernahme gewährt wird. Und dann ist noch gar nicht der Führerschein, die Bankkarte, der Clubausweis geändert – das kostet auch alles nochmal Geld.

      Und dann sind wir noch gar nicht bei medizinischen Eingriffen, die gerne mal nicht von der Krankenkasse bezahlt werden, zum Beispiel weil in deiner Nähe keine entsprechenden Fachleute ansässig sind, oder weil die Krankenkasse findet dass du diesen bestimmten Eingriff gar nicht brauchst.

      Wenn trans Menschen an diesem Punkt stehen, haben sie oft schon Jahrzehnte hinter sich, in denen sie täglich misgendered wurden, täglich falsch angesprochen wurden, täglich mit Dysphorie und Transfeindlichkeit kämpfen.

      Was machst du, wenn du keinen Therapieplatz bekommst, weil alle überbucht sind?
      Was machst du, wenn du Teile deines Körpers nicht aushältst und am liebsten wegschneiden würdest – aber die Krankenkasse die OP nach monatelanger Diskussion dann doch nicht zahlt, und du kein Geld hast um sie selbst zu bezahlen?
      Die Selbstverletzungs- und Suizidrate ist unter trans Menschen extrem hoch.

      Krisenambulanzen und Notfallpsychiatrien sind oft auch hoffnungslos überfüllt – und wenn Platz ist, dann kann das Personal oft nicht mit trans Menschen umgehen. „Aber im Ausweis steht dass Sie männlich sind, also sprechen wir Sie auch mit ‚Herr‘ an“, „wir können keine anderen Namen als den Ausweisnamen benutzen“, „wir trennen hier nach Männern und Frauen, und Sie sind laut Ausweis nunmal..“.
      Den meisten trans Menschen hilft so eine Umgebung nicht speziell dabei, sich besser zu fühlen.

      Du hast recht, es ist hierzulande besser, als an Orten an denen trans Menschen zum Tode verurteilt werden.
      Aber unser System ist perfider. Es legt trans Menschen so viele Steine in den Weg, dass viele daran zerbrechen. Wer stark genug ist, schafft den Kampf gegen das System, und überlebt. Aber wir sind nicht alle stark.

    • Nina J. schreibt:

      Wenn ich abends kurz was einkaufen gehe und unbeschwert an einem kleinen Haufen Männer vorbereiten gehe, dann ergeht es mir, wie vielen Frauen… Einer der Kerle ruft irgendwas, das als Anmache verstanden werden kann. Komme ich dann näher, wird deutlich, dass ich in den Augen der jungen Gruppe „keine echte Frau bin“. Damit der Kerl nicht aks schwul dasteht, muss er reagieren… Ich bin froh, wenn das nur verbal passiert. Aber das Glück habe ich nicht immer.

      Abgesehen davon ist Transsexualität eine dauernde Belastung… Denn ich kann nicht durch einen Supermarkt gehen, ohne dass irgendjemand meine Existenz kommentiert. Ich kann nicht einfach zur Entspannung im Sommer in ein Schwimmbad oder im Winter in die Sauna. Menschen, die nichts mit mir zu tun haben, mischen sich in mein Leben ein. Täglich. Da sind Psychische Krisen und Depressionen ganz einfach zu begründen.

      Breche ich unter dem Druck zusammen und muss in eine Klinik, dann ist nicht sicher ob meine Hormonbehandlung fortgesetzt wird. Eine Psychiatrie, die Schutz sein soll, wird so zu einer Einrichtung, die ich fürchten muss.

      Nein. Das Drama ist real.

    • Nina J. schreibt:

      In einer schwedischen Langzeitstudie wurde festgestellt, dass selbst nach einer geschlechtsangleichenden Operation die Selbstmordrate bei Transsexuellen zwanzig mal höher ist, als in der Allgemeinbevölkerung.

      Etwa 40% der trans* haben mindestens einmal eine suizidale Krise. Der Schnitt in der Allgemeinbevölkerung liegt bei unter 1,6%

      • Claudia M. schreibt:

        „die“ schwedische Langzeitstudie taugt aber aus wissenschaftlicher Sicht wenig, da sie nicht den Kriterien der Epidemiologie für hochwertige Studien entspricht. Daher empfieht es sich, sich mit der Epidemiologie auseinanderzusetzen. Dann kann man sehr schnell merken, welche Studien was taugen (das sind nur sehr wenige) und welche das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt wurden.
        Eine Studie im deutschen Ärzteblatt 2014 sagt: „Für 90,2 % der operierten Patientinnen hatten sich nach der Operation die Erwartungen an das Leben als Frau erfüllt.“

        • Nina J. schreibt:

          Ich finde deinen Kommentar sehr interessant, denn vom Hinterfragen der Methodik geht die Problematik nicht weg.

          Natürlich können wir über wissenschaftliche Methoden und Analysen diskutieren. Ich spreche stattdessen das Problem der psychischen Belastung von Trans* direkt an denn ich suche nach Lösungen jeden Tag.

          Nebenbei bemerkt: der Anteil von TG, die überhaupt die GaOP machen ist in Deutschland relativ gering, was zum Großteil an den Hürden im System liegt. Viele meiner Beknnaten haben am Weg zur OP auf die eine oder andere Art das Handtuch geworfen.

          Transgender werden gesellschaftlich ausgegrenz, beruflich diskriminiert und im medizinischen System außerordentlichen Belastungen ausgesetzt. Die Selbstmordrate wäre selbst, wenn sie nur das doppelte der cis-Vergleichsgruppe wäre einfach zu hoch.

    • Jaja schreibt:

      Ich finde Mariannes Frage gut, denn sie stellt eine auf den Inhalt bezogene, spezifische Frage. Dass dann gleich drei Leute den Daumen nach unten klicken müssen, ist Teil des oben sehr gut beschriebenen Phänomens.
      Danke für die Frage.
      Danke auch für die erklärende Antwort.

      • geschlechtsneutral schreibt:

        Ja, ich finde die Frage auch gut, weil mir lieber ist wenn Leute fragen und Erklärungen zulassen, als wenn sie einfach etwas annehmen.
        Leider sind solche Fragen aber eben genau ein Teil dieses erwähnten Überlebenskampfes, den die meisten trans Menschen täglich ausfechten müssen. Ständig wird gefragt ob es denn wirklich so schlimm sei, ob wir es uns wirklich gut überlegt hätten, ob unser Geschlecht wirklich existiere, ob wir diese Massnahme wirklich brauchen, und so weiter.. wir müssen gefühlt ständig erklären, rechtfertigen, verteidigen. Das frustriert und demotiviert.
        Ich verstehe natürlich, dass das schwer nachzuvollziehen ist, für Leute die mit dem Thema sonst keine Berührungspunkte haben. Und ich freue mich wie gesagt, wenn sie sich interessieren und Fragen stellen.
        Aber es muss auch verständlich sein, dass für viele von uns solche Fragen sehr unangenehm sind, und schlechte Gefühle auslösen.

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