Statistik

Mein Statistik-Prof macht in der Vorlesung immer viele praktische Beispiele. Ich möchte ihn jedesmal erwürgen, wenn er sagt „und hier haben wir die Variable ‚Geschlecht‘, die natürlich nur zwei Werte haben kann“. Aber ich bin nie mutig genug, mal einfach aufzustehen und ihm zu sagen, dass das nicht stimmt.

Heute wollte er mit uns eine kleine Umfrage machen, um „reale“ Daten zu haben, anhand deren er dann etwas erklärt. Er sagte es werde zwei Fragen geben, die eine sei das Geschlecht, und die zweite sei eine Frage zu Kommunikation. Mir graute vor dem Frageblatt – ich war sicher, dass man bei der ersten Frage Kästchen ankreuzen musste, und dass es natürlich wieder nur zwei Kästchen geben würde.

Aber dem war nicht so.
Die erste Frage war schlicht „Geben Sie Ihr Geschlecht an“, und dann eine leere Linie.
Wow. Kannst du dir vorstellen, wie perplex ich war?

Es war eine anonyme Umfrage, das hiess ich würde mich nicht erklären müssen. Und mein Prof ist nicht jemand, der einen dann zwingen würde, sich zu outen. Es könnte also ungefährlich sein. Es könnte eine Gelegenheit sein.
Mein Herz klopfte, meine Finger zitterten. Ich schrieb „intersexuell“ auf die Linie. (Immerhin kann man diesen Begriff auf Wikipedia finden – ich wollte ihn nicht gleich mit dem Konzept von Geschlechtsidentitäten überfordern.)

Dann mussten wir nach vorne gehen und das ausgefüllte Frageblatt auf seinen Tisch legen. Ich hielt das Blatt beim Gehen so, dass niemand die Antworten lesen konnte, und ich war wahnsinnig erleichtert, dass die anderen das Blatt auch alle mit der beschriebenen Seite nach unten hinlegten.

Die folgenden 15 Minuten Pause waren schrecklich. Mir war unglaublich schlecht, und ich konnte mich absolut nicht auf mein Buch konzentrieren. Der Tisch des Profs war praktisch umstellt mit Studenten, ich hatte keine Chance seine Reaktion auf mein Blatt zu sehen. Aber am Ende der Pause hatte er die Blätter in drei Stapel sortiert – der dritte bestand nur aus einem Blatt, und von dem was ich von meinem Platz aus erkennen konnte war ich sicher, dass es meins war.

Als die Pause endlich zu Ende war sagte er, dass es zuviele Antworten von Frauen gäbe, deswegen müsse jemand aus diesem Stapel zufällig einige rausziehen um es gleichmässig zu machen. Dann nahm er das einzelne Blatt auf, und ich hielt den Atem an.

„Und hier haben wir die Antworten einer intersexuellen Person“, sagte er. „Ich weiss nicht, ob das als Scherz gemeint war oder ernst ist – so oder so, diese Aussage ist zu respektieren. Aber natürlich würden wir es in unserer Datenbank als ‚ungültige Angabe‘ eintragen. Wir können diese Antwort für unsere Forschung nicht nutzen, denn auch die Handschrift lässt das Geschlecht der Person nicht erkennen. Wenn wir uns auf dieses Problem konzentrieren wollen würden, müssten wir die Antwort natürlich berücksichtigen, und diese Person ist selbstverständlich wertvoll. Aber für unsere Forschung ist dies nutzlos.“ Mit diesen Worten faltete er mein Blatt und steckte es in den Müll. „Egal ob es ernst gemeint war oder als Scherz, diese Antwort ist zu respektieren“, wiederholte er. Dann fuhr er mit der Vorlesung fort.

Mein Kopf schwirrte. Das hätte auf jeden Fall schlimmer ausgehen können! Aber in den Müll gesteckt und als nutzlos bezeichnet zu werden ist kein sehr schönes Gefühl..

Etwa eine halbe Stunde später hörte ich ihn einem Kommilitonen am anderen Ende des Saals antworten: „..nicht beleidigen, es könnte tatsächlich eine intersexuelle Person gewesen sein.“

Ja stell dir vor, du hast recht! Und das IST zu respektieren!

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Eine Antwort zu Statistik

  1. doro schreibt:

    Ich wünsche Dir den Mut, Dich gegenüber dem Professor zu outen. Vielleicht machst Du ein Gesprächstermin mit ihm aus, so dass das unter „4 Augen“ stattfinden kann. Meine Erfahrung ist, dass viele Menschen offener sind als man denkt. Blöd ist nur die Abhängigkeit von der Notengebung des Professors. Vielleicht schickst Du ihm deshalb einen anonymen Brief mit Hinweis auf das Blatt und der Bitte, sich im Internet über das Thema zu informieren? Es wäre schön, wenn Menschen aufhören, die Welt in ein duales Geschlechtersystem zu pressen und auch in der Informatik/Statistik mehr Varianten in die Software einbauen…

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