Am schlimmsten ist das Schubladendenken

Die meisten Menschen denken in binären Geschlechterkategorien. Für sie ist es nur natürlich, von mir als Mädchen oder als Junge zu denken, und diese Annahme nicht zu hinterfragen bis das Thema einmal aufkommt.
Ich spiele diesem Schubladendenken oft in die Hände, indem ich im Internet zum Beispiel geschlechtsspezifische Nicknamen benutze und die Leute nicht direkt darauf hinweise, wenn sie daraus fälschlicherweise auf mein Geschlecht schliessen.
Es ist einfach so, dass Menschen üblicherweise Klarheit bevorzugen. Wenn man eine Person neu kennenlernt, versucht man sie automatisch in sein eigenes Weltbild einzufügen. Menschen mit nicht-binärem Geschlecht passen aber in ein binäres Weltbild nicht hinein, und das verwirrt und macht unsicher. Man kann die Person dann nicht richtig einordnen, weiss nicht genau was man von ihr halten soll.
Ich möchte nicht, dass Menschen, die ich erst gerade kennenlerne, mir gegenüber so unsicher sind. Unsicherheit ist kein schönes Gefühl, es macht Angst, und ich will niemandem Angst machen.

Das gilt besonders für Menschen in Arbeitsbeziehungen, in denen mein Geschlecht ohnehin keine grosse Rolle spielen sollte, sondern eher meine Leistung und anderes. Dort ist es mir besonders wichtig, dass meine Arbeitskollegen mich schnell in ihr Weltbild einfügen können und mir gegenüber nicht unsicher sind, oder mein Geschlecht der Arbeit sogar im Weg steht.
Sicher, irgendwann lernt man sich etwas besser kennen, und irgendwann merkt vermutlich jeder, dass ich nicht wirklich ins binäre System hineinpasse, so wie ich dann auch die „Macken“ meiner Kollegen kennenlerne. Aber an diesem Punkt „kennt“ man sich eben schon, und ich möchte nicht jemanden, der nur an einem reinen Arbeitsverhältnis mit mir interessiert ist, dazu zwingen, sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen. Immerhin ist Geschlecht eine private Sache.

Aber manchmal werden Arbeitsbeziehungen zu Freundschaften. Oder man trifft Freunde von Freunden. Oder sonst jemand neuen, der nicht „Bescheid“ weiss.
Nun überlasse ich die Wahl meiner Pronomen ja meist meinen Freunden und Bekannten. Da es auf Deutsch keine guten geschlechtsneutralen Fürwörter gibt, nimmt da jeder etwas anderes. Manche sagen „er“, manche sagen „sie“ und manche sagen „es“. Manche bleiben bei einem davon, andere wechseln je nach Situation oder nach Gesellschaft, manchmal nehmen sie sogar mitten im Satz plötzlich ein anderes.
Wenn also jemand über mich spricht und dabei „er“ sagt, dann denken die Zuhörer, es geht um einen Jungen. Denn meistens sagt man ja nicht dazu „oh, und eigentlich ist er aber gar kein Junge, ich benutze „er“ nur weil das einfacher ist. Tatsächlich handelt es sich um eine Person mit nicht-binärem Geschlecht. Oh, nicht-binär bedeutet…“ und so weiter. Manchmal passiert das vielleicht, aber im Alltag wäre das viel zu kompliziert.
So treffe ich also eine neue Person, die von mir denkt ich sei ein Junge. Und das ist eigentlich kein Problem für mich, solange dann keine sexistischen Kommentare kommen oder so. Aber nach einiger Zeit wächst mir diese Person vielleicht ans Herz. Natürlich wird sie merken, dass ich nicht auf Fussball stehe und Bier trinke, oder andere „Männersachen“ mache. Aber wenn das Thema Geschlecht nicht von selbst aufkommt wird sie trotzdem von mir als Junge denken. Und das ist der Moment wo es anfängt mir weh zu tun, wo ich sie informieren möchte, damit sie es versteht. Und ich weiss nicht wie.

„Oh übrigens, ich weiss dass du denkst ich sei ein Junge. Das bin ich aber nicht.
Nein, ich fake nicht, tatsächlich bin ich auch kein Mädchen.
Ja, sehr verwirrend, ich weiss – ist es für mich auch.
Neutrois heisst es, danke dass du das verstehst.
Und wie findest du das Wetter?“

Funktioniert das für irgendwen? Ich glaube nicht, dass ich es schaffe sowas zu versuchen.

Nebenbei, am meisten fürchte ich die Momente, wenn jemand der von mir als Junge denkt, jemanden trifft der von mir als Mädchen denkt. Weil sich ja beide verarscht fühlen müssen. Und ich weiss, dass ich es ihnen hätte sagen sollen. Aber wann? Und wie?

Wenn ich von Anfang an geschlechtsneutrale Namen benutze, dann ist die erste Frage meistens „bist du m oder w?“
Gut, manchmal nimmt man auch einfach eines an und fragt gar nicht erst, aber meistens kommt diese Frage als erstes im Gespräch. Und dann ist das erste was eine neue Person über mich weiss die Tatsache, dass ich geschlechtsneutral bin und nicht ins binäre System passe. Der erste Eindruck prägt. Im ganzen weiteren Gespräch (falls es danach überhaupt weiter geht), denkt diese Person von mir als dieses komische Etwas das nicht recht passt. Manche haben dann Mitleid, oder sind verwirrt, oder sogar fasziniert. Aber es ist in ihren Augen immer ein essentieller Teil von mir, der alle anderen Teile erstmal überschattet. Und irgendwie ist das auch irreführend, denn mein Geschlecht ist zwar ein wichtiger Teil meiner Identität, aber sicher nicht der wichtigste. Da gibt es noch viele andere interessante Sachen an mir (denke ich zumindest), die dann einfach nicht beachtet werden.

Also entweder ich führe die Leute mit geschlechtsspezifischen Namen in die Irre, oder ich benutze geschlechtsneutrale Namen und lasse mich darauf reduzieren.
Irgendwie scheine ich nicht gewinnen zu können.

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2 Antworten zu Am schlimmsten ist das Schubladendenken

  1. Heibai schreibt:

    Ich kann gut verstehen, wie zerreißend der Versuch sein kann, sich in gegebene Formen einzugliedern, ohne das Gefühl zu haben, dass man selbst nie so wirklich die Wahrheit sagt. Ich fühle mich jedes Mal seltsam, wenn ich von mir nur als Frau spreche (irgendwo als Lügner auch). Wenn ich dann von Mann anfangen würde, würden mich die meisten nur verständnislos ansehen. Deswegen bleibe ich einfach dabei, vor anderen auf die Identität einer Frau zurückzugreifen (außer bei meinen besten Freunden, da ich diesen erklärt habe, wie es wirklich aussieht und sie es auch völlig akzeptiert haben).

    Manchmal habe ich aber wirklich Probleme damit, als Frau bezeichnet zu werden. Natürlich passt Mann im Endeffekt auch nicht hundertprozentig, aber es wäre schon einmal ein Fortschritt, wenn jemand mir auch ein anderes Geschlecht als das mir biologisch zugewiesene zugestehen würde. Was z.B. selbst ein Therapeut nicht getan hat. Er verwies mich auf feine Nuancen und einen bestimmten Spielraum von den Begriffen weiblich und männlich statt zu verstehen, dass es auch mehr als nur zwei Geschlechter gibt. Ich habe mit der Zeit gelernt, ein wenig damit zu leben und klar zu kommen, dass man beim ersten Blick sofort eingeordnet wird, aber im Endeffekt ist man so viel mehr als ein Geschlecht. Man ist ein Mensch mit vielen unterschiedlichen Qualitäten und Eigenschaften; einem Charakter, der einzigartig ist! Mir tat es selbst ziemlich weh, nicht ernst genommen zu werden; selbst von einer Person, die beruflich dafür sorgen müsste, dass der Patient sich wohl fühlt. Ich hoffe sehr, er hatte außer mir nie jemanden, der mit seinem Geschlecht hadert und unter der Zerrissenheit, die damit kommt, leidet…

    Aber im Endeffekt habe ich selbst „gelernt“ – so wie du anscheinend – damit zu leben, dass andere mein Geschlecht bestimmen mit spezifischen Pronomen, die sie für mich gebrauchen; was meist mein biologisches war, auch wenn einige oft meinten: „Du siehst ja jetzt aus wie ein Junge!“, wenn mal wieder die Haare kürzer wurden oder das Outfit dementsprechend aussah. Es hat mir die Sache enorm erleichtert, dass meine besten Freunde mir wenigstens den Rücken stärken. Mir ist wirklich, als ich das erste Mal mit ihnen darüber sprach, die Kinnlade sprichwörtlich runtergefallen. Kein Gegensteuern, kein „bist du sicher?“, keine Augenbrauen, die hochfuhren, nichts. Sie haben es verstanden und akzeptiert und nur gemeint: „…Das war schwer für dich, oder? So zerrissen zu leben und sich ständig zu verstellen.“ So habe ich mit der Zeit angefangen, wirklich zu glauben, dass es ok ist, dass es in Ordnung ist, einfach nicht wirklich gerne „weiblich“ in jedem Formular anzukreuzen, weil es im Endeffekt eine Lüge ist. Aber man kreuzt es nun einmal an, weil keine Alternativen geboten und allgemein anerkannt werden. Die Gesellschaft will angelogen werden, denn Veränderungen im bestehenden Weltbild wollen sie nicht. Das würde Angst machen.

    Ich finde, das wichtigste am Anderssein – nicht nur im Hinblick aufs Geschlecht – ist, dass man verinnerlicht, dass man so ist und somit eine Basis für sich selbst schafft, an der man auch nicht rütteln kann. Denn, wenn man an sich selbst zweifelt, fängt erst der wirkliche Affentanz an mit sehr vielen Selbstzweifeln, sehr viel Unwohlsein und sehr, sehr vielen Momenten, in denen man das „Ich“ verflucht statt es als etwas wunderbares anzusehen und stolz darauf zu sein, „ich zu sein“ und nicht irgendjemand anders. Ich wünsche dir sehr, sehr viele aufgeschlossene Menschen, die dich so nehmen wie du bist, denn ich bin sicher, dass du ein toller Mensch bist :) Deine Blogeinträge hatten bisher immer so ein „Ach ja, das…“-Gefühl für mich. Und es ist wirklich schön zu wissen, dass man nicht alleine damit ist.

    Wünsche dir einen wunder-, wunderschönen Tag! Bei uns scheint gerade die Sonne. Hoffentlich kannst du auch etwas Glücksgefühl tanken. Ciao! (Und entschuldige den riesigen Kommentar…*hust*)

    • Sasha schreibt:

      Vielen Dank für den riesigen Kommentar! :)
      Ein Glücksgefühl macht mir gerade das Wissen, dass ich mit meinen „seltsamen“ Problemen nicht alleine bin – was du erzählst spricht mir da direkt aus der Seele.
      Auch wenn es auf der anderen Seite traurig ist, dass wir überhaupt so damit kämpfen müssen.
      Daher umso mehr ein Daumen hoch an deine Freunde, absolut tolle Reaktion!
      (Und ich hoffe du hast dann noch einen verständnisvolleren Therapeuten gefunden.)
      Alles Liebe für dich, und eine tolle Restwoche!

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